Enz. § 79-82

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Hegel Text zum Kommentieren

Näherer Begriff und Einteilung der Logik

Kai:

Die eigentliche Einteilung der Logik kommt erst in Paragraph 83.

Inwiefern geben also die Paragraphen 79-82 einen "Näherer Begriff und Einteilung der Logik"? Sie handeln jedenfalls nicht direkt von Sein, Wesen, Begriff (die zum ersten mal in Pragraph 83 systematisch erwähnt werden), sondern von einer Art "Superstruktur" oder Methode die auch dieser Einteilung noch vorausgeht, die man dann aber deshalb auch in der Einteilung wiederfinden wird. Näheres weiter unten.

§ 79 - Einteilung

Das Logische hat der Form nach drei Seiten:

  • α) die abstrakte oder verständige,
  • β) die dialektische oder negativ-vernünftige,
  • γ) die spekulative oder positiv-vernünftige.

Kai dazu

  • drei Seiten: es geht also hier nicht um eine Sequenz, sondern mehr um 3 Perspektiven (etwa die 3 sichtbaren Seiten etwa eines Tetraederes (Pyramide)). Das Bild ist aber unzulänglich, weil die drei Seiten in dem Bild unabhängig voneinander sind und nicht wirklich voneinander unterschieden. Dieser Aspekt kann an dem Bild vom Tetraeder besser so gefasst werden: den 3 Momenten entsprechen: (a) die Grundseite/Grundriss des Teraeders, (b) die 3 sichtbaren Seiten (bzw, 4 Seiten insgesamt) des Tetraeders, und (c) der durch sie umschlossene Raum dieser "3 Seiten".

Aus der einen Seite/Moment schliessen wir auf die anderen, jedes der drei Momente ist in dem anderen enthalten.

  • zu den Benennungen:
    • Dialektik wird von Hegel hier nur als die 2.Seite, nicht als das Ganze genommen. Marxisten reden meistens von Dialektik auch für den Gesamtprozess, für alles 3 zusammen. Für sie ist naturgemäss (wie spätestens weiter unten klar werden wird) der 2. Moment der wichtigste.
    • Hegelianer reden meistens von sepkulativ, Spekulation für den Gesamtprozess, für alles 3 zusammen
  • Die erste "Seite" wird dem Verstand zugeordnet, die 3. der Vernunft. Die 2. Seite wird nur negativ der Vernunft zugeordnet: sie zeigt die Begrenzungen des Verstandes aus der 1.Seite, aber noch nicht den positiven vernünftigen Inhalt

Die drei Seiten als "Momente jedes Logisch-Reellen"

Diese drei Seiten machen nicht drei Teile der Logik aus, sondern sind Momente jedes Logisch-Reellen, das ist jedes Begriffes oder jedes Wahren überhaupt. Sie können sämtlich unter das erste Moment, das Verständige, gesetzt und dadurch abgesondert auseinandergehalten werden, aber so werden sie nicht in ihrer Wahrheit betrachtet. - Die Angabe, die hier von den Bestimmungen des Logischen gemacht ist, sowie die Einteilung ist hier ebenfalls nur antizipiert und historisch. 8/168

  • nicht Teile, sondern Momente: das ist ein terminologischer Vorgriff auf die Wesens- ("nicht Teile") und Begriffslogik. Gemeint ist hier mehr' als "nur Teile": alle Momente sind notwendiger Bestandteil ihres Gesamtzusammenhanges (das Wort kommt in dieser Benutzung vom physikalischen "Drehmoment").

Die Betonung der "Momente" bedeutet, dass die Betrachtung hier vorab diejenige der Begriffslogik ist, aus der Perspektive wird rückblickend dieser Vorbegriff gegeben

    • Beispiel für 3 Momente ist das oben gegebene 2. Tetraeder Beispiel
  • Da die drei Seiten also Momente jeden Begriffs sind, entsprechen sie auf Begriffseben dem Allgemeinen, Besonderen und Einzelnen (was das genau bedeutet, für Seiten, die auch für die Ganze Logik gelten sollen, wird noch zu zeigen sein).
  • "jedes Logisch-Reellen", "jedes Wahren überhaupt" - die drei Seiten gelten also, entgegen dem Anschein, den der Titel erweckt, nicht nur für die Logik, sondern auch für die Realphilosophie (Warum sich das nicht widerspricht wird im Laufe der Logik klar - siehe Objekt)

Kai zum 2.Satz

  • der Satz ist natürlich ein Vorgriff, denn das Verständige wird erst im folgenden Paragraph 80 näher behandelt. Es handelt sich hier auf dieser Stufe vor allem um eine Vorabwarnung vor Missverständnissen, wie Hegel sie soviele (meist vergeblich) am Anfang seiner Erläuterungen einflechtet (das Problem dabei ist, dass man diese Warnungen erst rückblickend voll verstehen kann, wenn man die Warnung nicht mehr nötig hat).
  • Wenn die 3 Seiten tatsächlich 3 Momente sind, dann kann man von jedem Moment aus auch die beiden anderen Momente behandeln, jedes ist eine Totalität für sich. Darin ist dann aber gerade noch keine Vollständigkeit erreicht, auch wenn die anderen beiden Seiten aus der einen Perspektive mit behandelt sind, weil eben nicht alle 3 Perspektiven zu ihrem Recht gekommen sind.
  • Wenn man die Momente für sich isoliert, verabsolutiert nimmt, so führt...
    • der 1.Moment zum Dogmatismus (beim Lehrenden) und zur Borniertheit (beim Lernenden, Anwendenden), Mechanismus usw..
    • der 2.Moment zum Empirismus und Skeptizismus
    • der 3.Moment zum Mystizismus
Exkurs: obiges könnte wichtig werden im Dialog mit anderen Positionen, darum kurz zur Auseinandersetzung mit anderen: es braucht hier beide Seiten der Vernunft: die negative, um zu zeigen, was falsch ist - sonst braucht man ja nichts zu ändern (und zwar möglichst als implizite kritik, damit es einen direkt betrifft. aber in der Praxis ist eine Polemik oder ein Paradox, die den anderen zum Nachdenken bringen und ihn selbst auf die implizite Kritik bringen, oft sogar wirkungsvoller), zum anderen die positive, um auch aufzuzeigen, inwiefern das Rationelle am bisher vertretenen aufgehoben werden kann und dabei doch die bestehenden Widersprüche/Paradoxa gelöst werden können (ohne die vorherige / gleichzeitgige Kritik besteht sonst auch die Gefahr, das das sonst einfach unter das bestehende Weltbild subsumiert wird, die Unterschiede nicht wahrgenommen werden usw)

Kai zum 3. Satz

"Die Angabe, die hier von den Bestimmungen des Logischen gemacht ist, sowie die Einteilung ist hier ebenfalls nur antizipiert und historisch"

  • historisch ist hier gemeint im Sinne von nur gegeben, nicht begründet
  • Antizipiert heisst: die Begründung wird noch nachgeliefert.
  • Hegel bespricht das Thema dieser Paragraphen 79-82 tatsächlich später, in seinem Kapitel zur Methode am Ende der Logik (s.Verweise am Ende des Artikels)

Kai zu den drei Perspektiven (genereller zum 2.Satz), und ihrer jeweiligen Berechtigung:

  • die 3 Momente sind auch sequentiell, als Schritte, zu verstehen, aber alle drei sind im Prinzip, ansich, auch in jedem der beiden anderen Momente enthalten
    • das erste Moment entspricht also auch dem Anfang
    • das zweite Moment entspricht also dem Fortgang, der Entwicklung
    • das dritte Moment entspricht also dem Abschluss, der Aufhebung
  • in der Logik entspricht dem 1.Moment die Seinslogik, dem 2.Moment die Wesenslogik und dem 3.Moment der Begriffslogik
    • (natürlich lassen sich an jeder Stelle im System, und so auch in der Logik, bei einem 3-Schritt die 3 Momente festmachen, aber die 3 grossen Bereiche der Logik stehen sozusagen unter dem jeweiligen "Hauptthema" des jeweilis ihnen enstprechenden Moments)
  • Es wäre nützlich, einmal die Einteilungen von Hegel-system.de bzw. dem Systemposter danach zu untersuchen:
    • inwiefern handelt es sich um "innere Besonderheiten2?
    • inwiefern handelt es sich um "äussere Besonderheiten"?
    • inwiefern lassen sie sich nach dem Schema A-B-E erklären?
    • inwiefern lassen sie sich nach dem Schema der Paragraphen 79-82 erklären?
    • inwiefern sind sie nur sequentiell?
    • inwiefern ist die Einteilung notwendig oder nur "historisch"?

§ 80 - Abstrakt

α) Das Denken als Verstand bleibt bei der festen Bestimmtheit und der Unterschiedenheit derselben gegen andere stehen; ein solches beschränktes Abstraktes gilt ihm als für sich bestehend und seiend.

wörtliche Analyse des Zitates

  • Die erste Seite, der erste Moment, der 1.Schritt wird von Hegel dem Verstand zugeordnet
  • "bleibt stehen": das Problem ist nicht der Ausgangspunkt, sondern dass nicht weiter fortgeschritten wird
    • Grundsatz ist hier, dass die durch den Verstand bewirkte Trennung als solche "fixiert" wird. Der Verstand bleibt sozusagen auf dieser Ebene der Trennung stehen.
  • um aber überhaupt weiterzukommen, muss man zumindest vom Ausgangspunkt starten. "Der Verstand kann nicht geschenkt werden"
  • "feste Bestimmtheit" - das Denken des Verstandes ebschäftigt sich mit der Grenzziehung, der Einteilung.
  • "Unterschiedenheit derselben gegen andere" - ditto
  • mögliche Kritiken an der Position des Verstandes in dem Satz:
    • fest: die festen bestimmungen könnten sich als dynamisch und/oder ineinander übergehend erweisen
    • Unterschiedenheit derselbe gegen andere: die Gemeinsamkeit könnte zuwenig beachtet werden
    • Dass hingegen eine zu kritisierende Position beschränkt und abstrakt ist, gilt bei Hegel immer, gibt keine besonderen Hinweise auf spezielle Mängel hier
      • im 1.Absatz des Zusatzes erklärt Hegel dann aber doch noch extra, wie er hier beim Verstand das spezifisch abstrakte sieht!
    • für sich bestehend: die Beziehungen auf anderes und/oder voraussetzungen könnten zuwenig beachtet werden
    • seiend: Hinweis auf den Standpunkt der Seins-Logik
    • gilt ihm als ... : Andeutung, dass sich das noch in der folgenden Untersuchung als trügerisch erweisen wird

weitere Gedanken zu diesem 1.Moment

  • wichtig wäre hier noch, dass das 1.Moment konkret, mit scharf gezogenen Grenzen sein muss. Ohne eine solche "Festigkeit", gibt es auch kein Fortgehen, abstossen davon (in dem Sinne ist ein Fehler, von dem man sich abstossen kann, besser als etwas Unbestimmtes, an dem sich nichts konkretes falsches findet, das aber auch gerade deshalb nicht zum weiteren Fortschritt beiträgt)
  • Hegels jenaer "Wastebook" dazu ((stw 602, S. 550 oben):
Am schädlichsten ist es, sich vor Irrtümern bewahren zu wollen.
  • In ihm ist ansich bereits die weitere Entwicklung enthalten. Das 2. Moment ist die konkrete Negation des 1. Moments, also von diesem bestimmt, das 3. Moment seine Aufhebung. In Nuce, Ansich ist also das Folgende bereits im 1. Moment enthalten. Aus dieser Perspektive könnte man also ausrufen, dass der 1.Schritt der wichtigste ist (ähnlich wie man das im Folgenden jeweils von den beiden anderen Momenten ausrufen kann), er ist das Konzentrat aus dem sich alles entwicklet, in ihm ist schon alles (an sich) enthalten/angelegt.
  • Auf der anderen Seite ist dies, solange man nur erst am Ausgangspunkt ist, noch nicht sichtbar (in Anlehnung an die Christliche Terminologie sagt Hegel auch: noch nicht offenbart). Erst im Nachhinein, im Rückblick weiss man, inwiefern das spätere im Ausgangspunkt steckte.
    • Wir schreiben so die (alle) Geschichte ständig um. weil sich aus der Änderung unserer Gegenwartsperspektive auch eine Änderung der Perspektive auf die Vergangenheit ergibt.
    • Wissenschaftshistorisch (Kuhn usw) werden so aus unserer späteren Perspektive (im Rückblick) andere Ausgangspunkte wichtig bzw. verschieben sich die Relevanz der Ausgangspunkte bzw. die Aspekte der Ausgangspunkte, die wichtig sind.
  • Jedes beliebige Blatt (im mathematisch-topologischen Sinne, verstanden als Knoten-/Endpunkt des Systems, entspricht in etwa "jeder Seite auf http://hegel-system.de ") Stelle lässt sich weiter nach den beiden weiteren Seiten ausbauen. Entsprechend erweitert Hegel sein System ständig, etwa von den frühen Entwürfen zu den späteren und von dem Grundsystem zu den Darstellungen in den Vorlesungen. Hegel schreibt dazu in Paragraph 4 der Nürnberger Enzyklopädie:
Es gibt keine absoluten Grenzen für einen Umfang von  Erkenntnissen,
die das Besondere einer Wissenschaft ausmachen soll;
denn jeder allgemeine oder konkrete Gegenstand kann in seine Arten oder Teile geteilt
und jede solche Art wieder als Gegenstand einer besonderen Wissenschaft betrachtet
werden.

Zusatz zu P80

Wenn vom Denken überhaupt oder näher vom Begreifen die Rede ist, so pflegt man häufig dabei bloß die Tätigkeit des Verstandes vor Augen zu haben. Nun ist zwar allerdings das Denken zunächst verständiges Denken, allein dasselbe bleibt dabei nicht stehen, und der Begriff ist nicht bloße Verstandesbestimmung. - Die Tätigkeit des Verstandes besteht überhaupt darin, ihrem Inhalt die Form der Allgemeinheit zu erteilen, und zwar ist das durch den Verstand gesetzte Allgemeine ein abstrakt Allgemeines, welches als solches dem Besonderen gegenüber festgehalten, dadurch aber auch zugleich selbst wieder als Besonderes bestimmt wird. Indem der Verstand sich zu seinen Gegenständen trennend und abstrahierend verhält, so ist derselbe hiermit das Gegenteil von der unmittelbaren Anschauung und Empfindung, die es als solche durchweg mit Konkretem zu tun hat und dabei stehenbleibt.

Auf diesen Gegensatz des Verstandes und der Empfindung beziehen sich jene so oft wiederholten Vorwürfe, welche dem Denken überhaupt gemacht zu werden pflegen und welche darauf hinausgehen, daß das Denken hart und einseitig sei und daß dasselbe in seiner Konsequenz zu verderblichen und zerstörenden Resultaten führe. Auf solche Vorwürfe, insofern dieselben ihrem Inhalt nach berechtigt sind, ist zunächst zu erwidern, daß dadurch nicht das Denken überhaupt und näher das vernünftige, sondern nur das verständige Denken getroffen wird. Das Weitere ist dann aber, daß vor allen Dingen auch dem bloß verständigen Denken sein Recht und sein Verdienst zugestanden werden muß, welches überhaupt darin besteht, daß sowohl auf dem theoretischen als auch auf dem praktischen Gebiet es ohne Verstand zu keiner Festigkeit und Bestimmtheit kommt. Was hierbei zunächst das Erkennen anbetrifft, so beginnt dasselbe damit, die vorhandenen Gegenstände in ihren bestimmten Unterschieden aufzufassen, und es werden so z. B. bei Betrachtung der Natur Stoffe, Kräfte, Gattungen usw. unterschieden und in dieser ihrer Isolierung für sich fixiert. Das Denken verfährt hierbei als Verstand, und das Prinzip desselben ist die Identität, die einfache Beziehung auf sich. Diese Identität ist es dann auch, durch welche im Erkennen zunächst der Fortgang von der einen Bestimmung zur anderen bedingt wird. So 8/169 ist namentlich in der Mathematik die Größe die Bestimmung, an welcher mit Hinweglassung aller anderen fortgegangen wird. Man vergleicht demgemäß in der Geometrie Figuren miteinander, indem man das Identische daran hervorhebt. Auch in anderen Gebieten des Erkennens, so z. B. in der Jurisprudenz, geht man zunächst an der Identität fort. Indem hier aus der einen Bestimmung auf eine andere Bestimmung geschlossen wird, so ist dies Schließen nicht anderes als ein Fortgang nach dem Prinzip der Identität. - Wie im Theoretischen, so ist auch im Praktischen der Verstand nicht zu entbehren. Zum Handeln gehört wesentlich Charakter, und ein Mensch von Charakter ist ein verständiger Mensch, der als solcher bestimmte Zwecke vor Augen hat und diese mit Festigkeit verfolgt. Wer etwas Großes will, der muß sich, wie Goethe sagt, zu beschränken wissen. Wer dagegen alles will, der will in der Tat nichts und bringt es zu nichts. Es gibt eine Menge interessante Dinge in der Welt; spanische Poesie, Chemie, Politik, Musik, d. ist alles sehr interessant, und man kann es keinem übel nehmen, der sich dafür interessiert; um aber als ein Individuum in einer bestimmten Lage etwas zustande zu bringen, muß man sich an etwas Bestimmtes halten und seine Kraft nicht nach vielen Seite hin zersplittern. Ebenso ist es bei jedem Beruf darum zu tun, daß derselbe mit Verstand verfolgt wird. So hat z. B. der Richter sich an das Gesetz zu halten, demselben gemäß sein Urteil zu fällen und sich nicht durch dieses und jenes abhalten, keine Entschuldigung gelten zu lassen, ohne rechts und links zu blicken. - Weiter ist nun überhaupt der Verstand ein wesentliches Moment der Bildung. Ein gebildeter Mensch begnügt sich nicht mit Nebulosem und Unbestimmtem, sondern faßt die Gegenstände in ihrer festen Bestimmtheit, wohingegen der Ungebildete unsicher hin und her schwankt und es oft viele Mühe kostet, sich mit einem solchen über das, wovon die Rede ist, zu verständigen und ihn dazu zu bringen. den bestimmten Punkt, um den es sich handelt, unverrückt im Auge zu behalten.

Während nun ferner, früherer Erörterung zufolge, das Logische überhaupt nicht bloß in dem Sinn einer subjektiven Tätigkeit, sondern vielmehr als das schlechthin Allgemeine und hiermit zugleich Objektive aufzufassen ist, so findet dies auch auf den Verstand, diese erste Form des Logischen, seine Anwendung. Der Verstand ist hiernach als demjenigen entsprechend zu betrachten, was man die Güte Gottes nennt, insofern darunter dies verstanden wird, daß die endlichen Dinge sind, daß sie ein Bestehen haben. So erkennt man z. B. in der Natur die Güte Gottes darin, daß die verschiedenen Klassen und Gattungen, sowohl der Tiere als auch der Pflanzen, mit allem versehen sind, dessen sie bedürfen, um sich 8/170 zu erhalten und zu gedeihen. Ebenso verhält es sich dann auch mit dem Menschen, mit den Individuen und mit ganzen Völkern, welche gleichfalls das zu ihrem Bestand und zu ihrer Entwicklung Erforderliche teils als ein unmittelbar Vorhandenes (wie z. B. Klima, Beschaffenheit und Produkte des Landes usw.) vorfinden, teils als Anlage, Talent usw. besitzen. In solcher Weise aufgefaßt, zeigt sich nun überhaupt der Verstand in allen Gebieten der gegenständlichen Welt, und es gehört wesentlich zur Vollkommenheit eines Gegenstandes, daß in demselben das Prinzip des Verstandes zu seinem Recht kommt. So ist z. B. der Staat unvollkommen, wenn es in demselben noch nicht zu einer bestimmten Unterscheidung der Stände und Berufe gekommen ist und wenn die dem Begriffe nach verschiedenen politischen und obrigkeitlichen Funktionen noch nicht in derselben Weise zu besonderen Organen herausgebildet sind, wie dies z. B. in dem entwickelten animalischen Organismus mit den verschiedenen Funktionen der Empfindung, der Bewegung, der Verdauung usw. der Fall ist. - Aus der bisherigen Erörterung ist nun ferner zu entnehmen, daß auch in solchen Gebieten und Sphären der Betätigung, die nach der gewöhnlichen Vorstellung dem Verstand am fernsten zu liegen scheinen, dieser gleichwohl nicht fehlen darf und daß in dem Maße, als dies der Fall ist, solches als ein Mangel betrachtet werden muß. Dies gilt namentlich von der Kunst, von der Religion und von der Philosophie. So zeigt sich z. B. in der Kunst der Verstand darin, daß die dem Begriff nach verschiedenen Formen des Schönen auch in diesem ihrem Unterschied festgehalten und zur Darstellung gebracht werden. Dasselbe gilt dann auch von den einzelnen Kunstwerken. Es gehört demgemäß zur Schönheit und Vollendung einer dramatischen Dichtung, daß die Charaktere der verschiedenen Personen in ihrer Reinheit und Bestimmtheit durchgeführt, und ebenso, daß die verschiedenen Zwecke und Interessen, um die es sich handelt, klar und entschieden dargelegt werden. - Was hiernächst das religiöse Gebiet anbetrifft, so besteht z. B. (abgesehen von der sonstigen Verschiedenheit des Inhalts und der Auffassung) der Vorzug der griechischen vor der nordischen Mythologie wesentlich auch darin, daß in der ersteren die einzelnen Göttergestalten zur plastischen Bestimmtheit herausgebildet sind, während dieselben in der letzteren im Nebel trüber Unbestimmtheit durcheinanderfließen. - Daß endlich auch die Philosophie den Verstand nicht zu entbehren vermag, bedarf nach der bisherigen Erörterung kaum noch einer besonderen Erwähnung. Zum Philosophieren gehört vor allen Dingen, daß ein jeder Gedanke in seiner vollen Präzision aufgefaßt wird und daß man es nicht bei Vagem und Unbestimmtem bewenden läßt. 8/171 Ferner pflegt nun aber auch gesagt zu werden, der Verstand dürfe nicht zu weit gehen, und darin liegt das Richtige, daß das Verständige allerdings nicht ein Letztes, sondern vielmehr endlich und näher von der Art ist, daß dasselbe auf die Spitze getrieben in sein Entgegengesetztes umschlägt. Es ist die Weise der Jugend, sich in Abstraktionen herumzuwerfen, wohingegen der lebenserfahrene Mensch sich auf das abstrakte Entweder-Oder nicht einläßt, sondern sich an das Konkrete hält.

§ 81 - Dialektisch

β) Das dialektische Moment ist das eigene Sichaufheben solcher endlichen Bestimmungen und ihr Übergehen in ihre entgegengesetzten.

wörtliche Analyse des Zitats

  • dialektisch:
    • hier ist im Wort die Zweiheit enthalten. In der Dialektik treten sich also zwei Positionen gegenüber
    • es ist an den Dialog erinnert: wer in Dialog tritt, hat sich gegenseitig etwas zu sagen: es gibt Unterschiede, sonst bräuchte man nicht zu reden, aber auch Gemeinsamkeit (eine gemeinsame Grundlage), sonst wäre der Dialog ebenfalls sinnlos.
    • schliesslich wird speziell Hegel auch an die Sophisten gedacht haben:
      • im Sinne von Streitgespräch
      • im Sinne von aus-schwarz-weiss machen
      • aber auch im Sinne von Sokrates, der die dialektischen Sophisten mit ihren eigenen Waffen schlug
  • endliche Bestimmungen: siehe Para.80
  • aufheben: zunächst ist hier sicherlich an Negierung gedacht (mit Perspektive auf die 'volle Aufhebung)
  • eigene sich..:
    • schon insofern ein anderes in Konflikt kommt, kann es das nur, wenn es sich an der Grenze des ersten reibt (zum streiten gehören immer zwei)
    • es stellt sich aber heraus, das in der Grenze des ersteren sein anderes bereits impliziert war
    • Du schriebst dazu: "Das eigene Sichaufheben: Nachgewiesen werden müsste, dass die oben getroffenen Bestimmungen an ihnen selbst in ihr Gegenteil übergehen. (Was bedeutet das??)"
      • Die Frage ist berechtigt. Nebenbei, für unser Lexikon: Ist Gegenteil und Entgegengesetztes dasselbe? Ich glaube nicht, Hegel wird aus beiden wahrscheinlich unterschiedlcihe Bedeutungsnuancen herauskitzeln, bei Entgegengesetztes in Richtung Gesetztes.
  • übergehen: heisst im Verlauf der Logik und der Realphilosophie viel verschiedenes. Das Gemeinsame davon wäre noch zu bestimmen.
  • ihre Entgegengesetzten: das "gesetzt" könnte ein Hinweis darauf sein, das wir es in der Wesensanalyse entgegen setzen
  • Verhältnis von Übergehen und Aufheben: zum einen zeigt das Übergehen, das Entgegen-Setzen die Unzulänglichkeit des vorherigen endlichen Standpunktes, darum negative Vernunft: der Verstandesstandpunkt wird kritisiert. Zum 2. wird aber der neue Standpunkt auch kritisiert, auch er hat Selbstwidersprüche, die das weitere Fortschreiten fordern (dies eigentlich schon in Richtung ("weitere Überlegungen")

Wesentlich ... <g> ...:

  • 1. Das Dialektische, vom Verstande für sich abgesondert genommen, macht, insbesondere in wissenschaftlichen Begriffen aufgezeigt, den Skeptizismus aus; er enthält die bloße Negation als Resultat des Dialektischen.
  • 2. Die Dialektik wird gewöhnlich als eine äußere Kunst betrachtet, welche durch Willkür eine Verwirrung in bestimmten Begriffen und einen bloßen Schein von Widersprüchen in ihnen hervorbringt, so daß nicht diese Bestimmungen, sondern dieser Schein ein Nichtiges und das Verständige dagegen vielmehr das Wahre sei. Oft ist die Dialektik auch weiter nichts als ein subjektives Schaukelsystem von hin- und herübergehendem Räsonnement, wo der Gehalt fehlt und die Blöße durch solchen Scharfsinn bedeckt wird, der solches Räsonnement erzeugt. - In ihrer eigentümlichen Bestimmtheit ist die Dialektik vielmehr die eigene, wahrhafte Natur der Verstandesbestimmungen, der Dinge und des Endlichen überhaupt. Die Reflexion ist zunächst das Hinausgehen über die isolierte Bestimmtheit und ein Beziehen derselben, wodurch diese in Verhältnis gesetzt, übrigens in ihrem isolierten Gelten erhalten wird. Die Dialektik dagegen ist dies immanente Hinausgehen, worin die Einseitigkeit und Beschränktheit der Verstandesbestimmungen sich als das, was sie ist, nämlich als ihr Negation darstellt. Alles Endliche ist dies, sich selbst aufzuheben. 8/172 Das Dialektische macht daher die bewegende Seele des wissenschaftlichen Fortgehens aus und ist das Prinzip, wodurch allein immanenter Zusammenhang und Notwendigkeit in den Inhalt der Wissenschaft kommt, so wie in ihm überhaupt die wahrhafte, nicht äußerliche Erhebung über das Endliche liegt.

weitere Überlegungen zum 2.Moment

  • Genauso wie beim 1. Moment kann man mit Recht auch argumentieren, dass das 2. Moment das Wichtigste ist: ohne es gäbe es keine Differenz zwischen dem 1. und dem 3. Moment, wären diese einfach identisch.
  • (von daher ist es nirgends so, dass in Hegels System das 1. und 3. Moment für sich da sind, aber das 2. fehlt und nachgetragen wird. Sondern wo es fehlt, da sind auch 1. und 3. Moment identisch und bei einem späteren Ausbau werden mit dem 2. Moment auch die Differenzierung zwischen 1. und 3. Moment gefunden (sei es, das das 1. Moment über seine Differenzierung im 3. Moment aufgehoben wird, sei es, dass ein vorhandener Zusammenhang nun "nach vorne" aufgedröselt wird in seine Prinzipien für sich und seine Besonderheiten für sich)
  • Letzteres findet sich im Unterschied zwischen der Wesenslogik in der WdL und den Enzyklopädien einerseits und der Logik für die Mittelklasse und anderen früheren Logikversionen Hegels andererseits: in diesen Frühwerken finden sich meist nur der jeweils 3. Schritt, dem in der WdL noch zur Ergänzung 1. und 2. Schritte vorgeschaltet sind
  • Hegel dazu in seinem Jenaer "Wastebook" (stw 602, S. 550 unten):
Der Grundsatz eines Systems der Philosophie ist ihr Resultat. [...]
Aber niemand wird sich mit diesem Ende [...] begnügen,
sondern die Bewegung, durch welche es zustande kommt,
wird für das Wesentliche gehalten.
  • Beim Rechnen will der Lehrer auch nicht nur das Resultat sehen, sondern es kommt ihm auf den Nachvollzug des Rechenweges an, dieser ist das eigentlich Wichtige
  • Das 2. Moment ist die Offenbarung, der Ausdruck des 1. Momentes, dessen, was "ansich" (positiv und negativ) im 1. Moment steckt
  • Das 2. Moment ist die Vermittlung zwischen dem 1. und 3. Moment
  • Durch das 2. Moment kommt Fortschritt hinein, nicht nur insofern, dass es die Vermittlung zum 3. Moment ist, sondern auch insofern, dass in ihm neues Material aufgenommen wird, neues Material berücksichtigt wird, dass dann im 3.Moment mit aufgehoben wird
    • Das, was das 3. Moment als Aufhebung der ersten 2 Momente bedeutet, ändert sich, wenn das 2.Moment sich ändert
  • In Hegels System wird besonders häufig dieses 2. Moment weiter ausgebaut, ausdifferenziert, und damit ändert sich auch unser Verständnis von 1. und 3. Moment, selbst da, wo diese nicht mit geändert werden (weil alle 3 Momente zumindst implizit aufeinander bezogen sind)
  • Der Gesamtzusammenhang (als einer der Einheit in der Differenz) wird also in in diesem 2. Moment als die Differenz (und Bewegung zur Offenbarung und damit auch Überwindung der Widersprüche) in dem Gesamtzusammenhang repräsentiert (Die Differenz, die vorher nur "ansich" an dem 1.Moment war, aber nicht "fürsich" ausgedrückt, wird im 2.Moment ausgedrückt, kommt zu ihrem Recht).

Zusatz 1 zu P.81

Das Dialektische gehörig aufzufassen und zu erkennen ist von der höchsten Wichtigkeit. Es ist dasselbe überhaupt das Prinzip aller Bewegung, alles Lebens und aller Betätigung in der Wirklichkeit. Ebenso ist das Dialektische auch die Seele alles wahrhaft wissenschaftlichen Erkennens. In unserem gewöhnlichen Bewußtsein erscheint das Nicht-Stehenbleiben bei den abstrakten Verstandesbestimmungen als bloße Billigkeit, nach dem Sprichwort: "leben und leben lassen", so daß das eine gilt und auch das andere. Das Nähere aber ist, daß das Endliche nicht bloß von außen her beschränkt wird, sondern durch seine eigene Natur sich aufhebt und durch sich selbst in sein Gegenteil übergeht. So sagt man z. B.: der Mensch ist sterblich, und betrachtet dann das Sterben als etwas, das nur in äußeren Umständen seinen Grund hat, nach welcher Betrachtungsweise es zwei besondere Eigenschaften des Menschen sind, lebendig und auch sterblich zu sein. Die wahrhafte Auffassung aber ist diese, daß das Leben als solches den Keim des Todes in sich trägt und daß überhaupt das Endliche sich in sich selbst widerspricht und dadurch sich aufhebt. - Die Dialektik ist nun ferner nicht mit der bloßen Sophistik zu verwechseln, deren Wesen gerade darin besteht, einseitige und abstrakte Bestimmungen in ihrer Isolierung für sich geltend zu machen, je nachdem solches das jedesmalige Interesse des Individuums und seiner besonderen Lage mit sich bringt. So ist es z. B. in Beziehung auf das Handeln ein wesentliches Moment, daß ich existiere und daß ich die Mittel zur Existenz habe. Wenn ich dann aber diese Seite, dieses Prinzip meines Wohles für sich heraushebe und die Folge daraus ableite, daß ich stehlen oder daß ich mein Vaterland verraten darf, so ist dies eine Sophisterei. - Ebenso ist in meinem Handeln meine subjektive Freiheit in dem Sinn, daß bei dem, was ich tue, ich mit meiner Einsicht und Überzeugung bin, ein wesentliches Prinzip. Räsoniere ich aber aus diesem Prinzip allein, so ist dies gleichfalls Sophisterei und werden damit alle Grundsätze der Sittlichkeit über den Haufen geworfen. - Die Dialektik ist von solchem Tun wesentlich verschieden, denn diese geht gerade darauf aus, die Dinge an und für sich zu betrachten wobei sich sodann die Endlichkeit der einseitigen Verstandesbestimmungen. 8/173 - Übrigens ist die Dialektik in der Philosophie nichts Neues. Unter den Alten wird Platon als der Erfinder der Dialektik genannt, und zwar insofern mit Recht, als in der Platonischen Philosophie die Dialektik zuerst in freier wissenschaftlicher und damit zugleich objektiver Form vorkommt. Bei Sokrates hat das Dialektische, in Übereinstimmung mit dem allgemeinen Charakter seines Philosophierens, noch eine vorherrschend subjektive Gestalt, nämlich die der Ironie. Sokrates richtete seine Dialektik einmal gegen das gewöhnliche Bewußtsein überhaupt und sodann insbesondere gegen die Sophisten. Bei seinen Unterredungen pflegte er dann den Schein anzunehmen, als wolle er sich näher über die Sache, von welcher die Rede war, unterrichten; er tat in dieser Beziehung allerhand Fragen und führte so die, mit denen er sich unterredete, auf das Entgegengesetzte von dem, was ihnen zunächst als das Richtige erschienen war. Wenn z. B. die Sophisten sich Lehrer nannten, so brachte Sokrates durch eine Reihe von Fragen den Sophisten Protagoras dahin, zugeben zu müssen, daß alles Lernen bloß Erinnerung sei. - Platon zeigt dann in seinen strengen wissenschaftlichen Dialogen durch die dialektische Behandlung überhaupt die Endlichkeit aller festen Verstandesbestimmungen. So leitet er z. B. im Parmenides vom Einen das Viele ab und zeigt demungeachtet, wie das Viele nur dies ist, sich als das Eine zu bestimmen. In solcher großen Weise hat Platon die Dialektik behandelt. - In der neueren Zeit ist es vornehmlich Kant gewesen, der die Dialektik wieder in Erinnerung gebracht und dieselbe aufs neue in ihre Würde eingesetzt hat und zwar durch die bereits (§ 48) besprochene Durchführung der sogenannten Antinomien der Vernunft, bei denen es sich keineswegs um ein bloßes Hinundhergehen an Gründen und um ein bloß subjektives Tun, sondern vielmehr darum handelt, aufzuzeigen, wie eine jede abstrakte Verstandesbestimmung, nur so genommen, wie sie sich selbst gibt, unmittelbar in ihr Entgegengesetztes umschlägt. - Wie sehr nun auch der Verstand sich gegen die Dialektik zu sträuben pflegt, so ist dieselbe doch gleichwohl keineswegs als bloß für das philosophische Bewußtsein vorhanden zu betrachten, sondern es findet sich vielmehr dasjenige, um was es sich hierbei handelt, auch schon in allem sonstigen Bewußtsein und in der allgemeinen Erfahrung. Alles, was uns umgibt, kann als ein Beispiel des Dialektischen betrachtet werden. Wir wissen, daß alles Endliche, anstatt ein Festes und Letztes zu sein, vielmehr veränderlich und vergänglich ist, und dies ist nichts anderes als die Dialektik des Endlichen, wodurch dasselbe, als an sich das Andere seiner selbst, auch über das, was es unmittelbar ist, hinausgetrieben wird und in sein Entgegengesetztes umschlägt. Wenn früher (§ 80) 8/174 gesagt wurde, der Verstand sei als dasjenige zu betrachten, was in der Vorstellung von der Güte Gottes enthalten ist, so ist nunmehr von der Dialektik in demselben (objektiven) Sinn zu bemerken, daß das Prinzip derselben der Vorstellung von der Macht Gottes entspricht. Wir sagen, daß alle Dinge (d. h. alles Endliche als solches) zu Gericht gehen, und haben hiermit die Anschauung der Dialektik als der allgemeinen unwiderstehlichen Macht, vor welcher nichts, wie sicher und fest dasselbe sich auch dünken möge, zu bestehen vermag. Mit dieser Bestimmung ist dann allerdings die Tiefe des göttlichen Wesens, der Begriff Gottes noch nicht erschöpft; wohl aber bildet dieselbe ein wesentliches Moment in allem religiösen Bewußtsein. - Weiter macht sich nun auch die Dialektik in allen besonderen Gebieten und Gestaltungen der natürlichen und der geistigen Welt geltend. So z. B. in der Bewegung der Himmelskörper. Ein Planet steht jetzt an diesem Ort, ist aber an sich, dies auch an einem anderen Ort zu sein, und bringt dies sein Anderssein zur Existenz dadurch, daß er sich bewegt. Ebenso erweisen sich die physikalischen Elemente als dialektisch, und der meteorologische Prozeß ist die Erscheinung ihrer Dialektik. Dasselbe Prinzip ist es, welches die Grundlage aller übrigen Naturprozesse bildet und wodurch zugleich die Natur über sich selbst hinausgetrieben wird. Was das Vorkommen der Dialektik in der geistigen Welt und näher auf dem Gebiet des Rechtlichen und Sittlichen anbetrifft, so braucht hier nur daran erinnert zu werden, wie, allgemeiner Erfahrung zufolge, das Äußerste eines Zustandes oder eines Tuns in sein Entgegengesetztes umzuschlagen pflegt, welche Dialektik dann auch vielfältig in Sprichwörtern ihre Anerkennung findet. So heißt es z. B.: summum ius summa iniuria, womit ausgesprochen ist, daß das abstrakte Recht, auf seine Spitze getrieben, in Unrecht umschlägt. Ebenso ist es bekannt, wie im Politischen die Extreme der Anarchie und des Despotismus einander gegenseitig herbeizuführen pflegen. Das Bewußtsein der Dialektik im Gebiet des Sittlichen in seiner individuellen Gestalt finden wir in jenen allbekannten Sprichwörtern: Hochmut kommt vor dem Fall, Allzuscharf macht schartig usw. - Auch die Empfindung, die leibliche sowohl als die geistige, hat ihre Dialektik. Es ist bekannt, wie die Extreme des Schmerzes und der Freude ineinander übergehen; das von Freude erfüllte Herz erleichtert sich in Tränen, und die innigste Wehmut pflegt unter Umständen sich durch Lächeln anzukündigen.

Zusatz 2 zu P.81

Der Skeptizismus darf nicht bloß als eine Zweifelslehre betrachtet werden, vielmehr ist derselbe seiner Sache, d. h. der Nichtigkeit alles Endlichen, schlechthin gewiß. Wer nur zweifelt, 8/175 der steht noch in der Hoffnung, daß sein Zweifel gelöst werden könne und daß das eine oder das andere Bestimmte, wozwischen er hin und her schwankt, sich als ein Festes und Wahrhaftes ergeben werde. Dahingegen ist der eigentliche Skeptizismus die vollkommene Verzweiflung an allem Festen des Verstandes, und die sich daraus ergebende Gesinnung ist die der Unerschütterlichkeit und des Insichberuhens. Dies ist der hohe, antike Skeptizismus, wie wir ihn namentlich beim Sextus Empiricus dargestellt findet und wie derselbe als Komplement zu den dogmatischen Systemen der Stoiker und Epikureer in der späteren Römerzeit seine Ausbildung erhalten hat. Mit diesem hohen antiken Skeptizismus ist nicht jener bereits früher (§ 39) erwähnte moderne, teils der kritischen Philosophie voran-, teils aus dieser hervorgegangene Skeptizismus zu verwechseln, welcher bloß darin besteht, die Wahrheit und Gewißheit des Übersinnlichen zu leugnen und dagegen das Sinnliche und in der unmittelbaren Empfindung Vorhandene als dasjenige zu bezeichnen, woran wir uns zu halten haben.

Wenn übrigens der Skeptizismus noch heutzutage häufig als ein unwiderstehlicher Feind alles positiven Wissens überhaupt und somit auch der Philosophie, insofern es bei dieser um positive Erkenntnis zu tun ist, betrachtet wird, so ist dagegen zu bemerken, daß es in der Tat bloß das endliche, abstrakt verständige Denken ist, welches den Skeptizismus zu fürchten hat und demselben nicht zu widerstehen vermag, wohingegen die Philosophie das Skeptische als ein Moment in sich enthält, nämlich als das Dialektische. Die Philosophie bleibt dann aber bei dem bloß negativen Resultat der Dialektik nicht stehen, wie dies mit dem Skeptizismus der Fall ist. Dieser verkennt sein Resultat, indem er dasselbe als bloße, d. h. als abstrakte Negation festhält. Indem die Dialektik zu ihrem Resultat das Negative hat, so ist dieses, eben als Resultat, zugleich das Positive, denn es enthält dasjenige, woraus es resultiert, als aufgehoben in sich und ist nicht ohne dasselbe. Die aber ist die Grundbestimmung der dritten Form des Logischen, nämlich des Spekulativen oder Positiv-Vernünftigen.

§ 82 - Das Spekulative oder Positiv-Vernünftige

γ) Das Spekulative oder Positiv-Vernünftige faßt die Einheit der Bestimmungen in ihrer Entgegensetzung auf, das Affirmative, das in ihrer Auflösung und ihrem Übergehen enthalten ist.

  • 1. Die Dialektik hat ein positives Resultat, weil sie einen 8/176 bestimmten Inhalt hat oder weil ihr Resultat wahrhaft nicht das leere, abstrakte Nichts, sondern die Negation von gewissen Bestimmungen ist, welche im Resultate eben deswegen enthalten sind, weil dies nicht ein unmittelbares Nichts, sondern ein Resultat ist.
  • 2. Dies Vernünftige ist daher, obwohl ein Gedachtes, auch Abstraktes, zugleich ein Konkretes, weil es nicht einfache, formelle Einheit, sondern Einheit unterschiedener Bestimmungen ist. Mit bloßen Abstraktionen oder formellen Gedanken hat es darum überhaupt die Philosophie ganz und gar nicht zu tun, sondern allein mit konkreten Gedanken.
  • 3. In der spekulativen Logik ist die bloße Verstandes-Logik enthalten und kann aus jener sogleich gemacht werden; es bedarf dazu nichts, als daraus das Dialektische und Vernünftige wegzulassen; so wird sie zu dem, was die gewöhnliche Logik ist, eine Historie von mancherlei zusammengestellten Gedankenbestimmungen, die in ihrer Endlichkeit als etwas Unendliches gelten.

weitere Überlegungen zum 3. Moment

  • das 3. Moment repräsentiert die Einheit des Verschiedenen so, dass darin die Einheit des Verschiedenen in seinem Zusammenhang aufbewahrt wird
  • Bezogen auf die beiden vorherigen Momente werden diese im 3. Moment aufbewahrt

Zusatz zu P.82

Seinem Inhalt nach ist das Vernünftige so wenig bloß Eigentum der Philosophie, daß vielmehr gesagt werden muß, dasselbe sei für alle Menschen vorhanden, auf welcher Stufe der Bildung und der geistigen Entwicklung sie sich auch befinden mögen, in welchem Sinn man mit Recht den Menschen von alters her als ein vernünftiges Wesen bezeichnet hat. Die empirisch allgemeine Weise, vom Vernünftigen zu wissen, ist zunächst die des Vorurteils und der Voraussetzung, und der Charakter des Vernünftigen ist, früherer Erörterung zufolge (§ 45), überhaupt der, ein Unbedingtes und somit seine Bestimmtheit in sich selbst Enthaltendes zu sein. In diesem Sinn weiß vor allen Dingen der Mensch vom Vernünftigen, insofern er von Gott und diesen als den schlechthin durch sich selbst Bestimmten weiß. Ebenso ist dann ferner das Wissen eines Bürgers von seinem Vaterland und dessen Gesetzen insofern ein Wissen von Vernünftigem, als ihm diese als ein Unbedingtes und zugleich als ein Allgemeines gelten, dem er sich mit seinem individuellen Willen zu unterwerfen hat, und in demselben Sinn ist selbst schon das Wissen und Wollen des Kindes vernünftig, indem dasselbe den Willen seiner Eltern weiß und diesen will. Weiter ist nun das Spekulative überhaupt nichts anderes als das 8/177 Vernünftige (und zwar das Positiv-Vernünftige), insofern dasselbe gedacht wird. Im gemeinen Leben pflegt der Ausdruck Spekulation in einem sehr vagen und zugleich untergeordneten Sinn gebraucht zu werden, so z. B., wenn von Heirats- oder Handelsspekulationen die Rede ist, worunter dann nur so viel verstanden wird, einerseits daß über das unmittelbar Vorhandene hinausgegangen werden soll und andererseits daß dasjenige, was den Inhalt solch Spekulationen bildet, zunächst nur ein Subjektives ist, jedoch nicht ein solches bleiben, sondern realisiert oder in Objektivität übersetzt werden soll.

Es gilt von diesem gemeinen Sprachgebrauch hinsichtlich der Spekulationen dasselbe, was früher von der Idee bemerkt wurde, woran sich dann noch die weitere Bemerkung schließt, daß vielfältig von solchen, die sich schon zu den Gebildeteren rechnen, von der Spekulation auch ausdrücklich in der Bedeutung eines bloß Subjektiven gesprochen wird, in der Art nämlich, daß es heißt, eine gewisse Auffassung natürlicher oder geistiger Zustände und Verhältnisse möge zwar, bloß spekulativ genommen, sehr schön und richtig sein, allein die Erfahrung stimme damit nicht überein, und in der Wirklichkeit könne dergleichen nicht zugelassen werden. Dagegen ist dann zu sagen, daß das Spekulative seiner wahren Bedeutung nach weder vorläufig noch auch definitiv ein bloß Subjektives ist, sondern vielmehr ausdrücklich dasjenige, welches jene Gegensätze, bei denen der Verstand stehenbleibt (somit auch den des Subjektiven und Objektiven), als aufgehoben in sich enthält und eben damit sich als konkret und als Totalität erweist. Ein spekulativer Inhalt kann deshalb auch nicht in einem einseitigen Satz ausgesprochen werden. Sagen wir z. B., das Absolute sei die Einheit des Subjektiven und des Objektiven, so ist dies zwar richtig, jedoch insofern einseitig, als hier nur die Einheit ausgesprochen und auf diese der Akzent gelegt wird, während doch in der Tat das Subjektive und das Objektive nicht nur identisch, sondern auch unterschieden sind.

Hinsichtlich der Bedeutung des Spekulativen ist hier noch zu erwähnen, daß man darunter dasselbe zu verstehen hat, was früher, zumal in Beziehung auf das religiöse Bewußtsein und dessen Inhalt, als das Mystische bezeichnet zu werden pflegte. Wenn heutzutage vom Mystischen die Rede ist, so gilt dies in der Regel als gleichbedeutend mit dem Geheimnisvollen und Unbegreiflichen, und dies Geheimnisvolle und Unbegreifliche wird dann, je nach Verschiedenheit der sonstigen Bildung und Sinnesweise, von den einen als das Eigentliche und Wahrhafte, von den anderen aber als das dem Aberglauben und der Täuschung Angehörige betrachtet. Hierüber ist zunächst zu bemerken, daß das 8/178 Mystische allerdings ein Geheimnisvolles ist, jedoch nur für den Verstand, und zwar einfach um deswillen, weil die abstrakte Identität das Prinzip des Verstandes, das Mystische aber (als gleichbedeutend mit dem Spekulativen) die konkrete Einheit derjenigen Bestimmungen ist, welche dem Verstand nur in ihrer Trennung und Entgegensetzung für wahr gelten. Wenn dann diejenigen, welche das Mystische als das Wahrhafte anerkennen, es gleichfalls dabei bewenden lassen, daß dasselbe ein schlechthin Geheimnisvolles sei, so wird damit ihrerseits nur ausgesprochen, daß das Denken für sie gleichfalls nur die Bedeutung des abstrakten Identischsetzens hat und daß man um deswillen, um zur Wahrheit zu gelangen, auf das Denken verzichten oder, wie auch gesagt zu werden pflegt, daß man die Vernunft gefangennehmen müsse. Nun aber ist, wie wir gesehen haben, das abstrakt verständige Denken so wenig ein Festes und Letztes, daß dasselbe sich vielmehr als das beständige Aufheben seiner selbst und als das Umschlagen in sein Entgegengesetztes erweist, wohingegen das Vernünftige als solches gerade darin besteht, die Entgegengesetzten als ideelle Momente in sich zu enthalten. Alles Vernünftige ist somit zugleich als mystisch zu bezeichnen, womit jedoch nur so viel gesagt ist, daß dasselbe über den Verstand hinausgeht, und keineswegs, daß dasselbe überhaupt als dem Denken unzugänglich und unbegreiflich zu betrachten sei.

Parallelstellen in der Nürnberger Enzyklopädie

§ 12

Die Logik ist die Wissenschaft des reinen Verstandes und der reinen Vernunft, der eigentümlichen Bestimmungen und Gesetze derselben.

Das Logische hat demnach drei Seiten: 1. die abstrakte oder verständige, 2. die dialektische oder negativ vernünftige, 3. die spekulative oder positiv vernünftige.

Das Verständige bleibt bei den Begriffen in ihrer festen Bestimmtheit und Unterschiedenheit von anderen stehen; das Dialektische zeigt sie in ihrem Übergehen und ihrer Auflösung auf; das Spekulative oder Vernünftige erfaßt ihre Einheit in ihrer Entgegensetzung oder das Positive in der Auflösung und im Übergehen.

§ 13

Verstand und Vernunft werden hierbei gewöhnlich in dem subjektiven Sinne genommen, insofern sie als Denken einem Selbstbewußtsein angehören, und die Logik ist so eine bloß formelle Wissenschaft, die erst eines anderen Inhalts, eines äußeren Stoffes bedarf, wenn etwas wirklich Wahres zustande kommen soll.

§ 14

Ihrem Inhalt nach betrachtet die Logik den Verstand und die Vernunft an und für sich selbst und die absoluten Begriffe als den an und für sich wahren Grund von allem oder das Verständige und Vernünftige, insofern es nicht bloß ein bewußtes Begreifen ist.

Die Logik ist daher an sich selbst spekulative Philosophie, denn die spekulative Betrachtungsart der Dinge ist nichts anderes als die Betrachtung des Wesens der Dinge, welches ebensosehr reiner, der Vernunft eigentümlicher Begriff als die Natur und das Gesetz der Dinge ist.


Siehe auch