Kolonialismus - allgemein

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Disclaimer

Disclaimer: dieser Artikel (aus meiner Hegelwerkstatt) gibt nicht 1:1 die Hegelsche Position zu dem Thema wieder (Hegel hat zu dem Thema nur wenig geschrieben, dieses findet sich in seiner Rechtsphilosophie am Ende des Abschnittes zur bürgerlichen Gesellschaft und seiner Geschichtsphilosophie), sondern meine (Benutzer:Kai) Positionen dazu, die allerdings aus der Beschäftigung mit Hegel erwuchsen. Ich lade also dazu ein, zu prüfen, inwiefern die hier vorgeschlagene Umgang mit dem Thema - gerade auch im hegelschen Kontext- Sinn macht.

Nach Oben

Geographische Grundlagen 1: Staaten und ihre Ressourcen

(1) wenn Staaten ihre Zwecke verfolgen, so sind sie zunächst einmal auf ihre Ressourcen angewiesen, das wäre zunächst mal die Rolle der "geographischen Grundlagen der Weltgeschichte", ganz analog dazu, dass ein Mensch zunächst einmal seinen biologischen Körper als sein Mittel, seine Ressource hat. So wie der Mensch seinen Körper als sein Mittel umformt, umgestaltet, so gestalten die Menschen in ihrem Gemeinwesen dessen natürlichen Voraussetzungen um (vgl. dazu Vernadsky). Die größte Ressource, die Meta-Ressource (diejenige, die Änderungen des bestehenden Zustandes, sozusagen die Kraft, die für die -physikalisch gesprochen- Beschleunigung, -mathematisch gesprochen - "Ableitung" verantwortlich ist) ist dabei der menschliche Geist, die menschliche Kreativität. Diese findet neue Nutzungsmöglichkeiten für die vorgegebenen Ressourcen und gestaltet diese um.

Geographische Grundlagen 2: Verkehrsmittel

(2) Die geographischen Gegebenheiten trennen und verbinden auch die menschlichen Gemeinschaften: Berge, Wüsten, Dschungel, Wüsten, Ödland, Flüsse und Meere usw. müssen erst einmal überwunden werden.

Auf Dauer kann aber keines dieser Hindernisse aufhalten: über Berge werden Pässe gefunden, über Flüsse Brücken gebaut (oder Furte gefunden oder Fährverbindungen eingerichtet), so dass sich der Buddhismus sogar von Indien nach China (über die höchste Bergkette der Welt hinweg) ausbreiten kann, und die verschiedenen Seidenstrassen zu Land und zu Wasser zeigen, das kein Weg zu weit (sogar die Steinzeitmenschen schaffen Rohstoffe aus 100ten ja manchmal 1000en von Km Entfernung herbei), kein Hindernis zu schwer ist.

Mit der menschlichen Erkundung der Erde, und der Entwicklung der Technik, werden die Entfernungen überwunden: Straßennetze, Wegstationen, später Bahn usw, Brückenbauten, Schiffe, Häfen usw. Speziell die Schiffe als (noch vor den Flugzeugen) schnelle Verkehrsmittel über weite Entfernungen (zunächst in Fluss- und Küstenschifffahrt, dann auch immer weiter weg von der Küste) haben hier eine herausragende Bedeutung.

So unterscheidet Hegel (in seiner Einleitung zur Philosophie der Weltgeschichte, das immerhin als Reinmanuskript vorliegt) unter dem Abschnitt "Geographische Grundlage der Weltgeschichte" (Suhrkampausgabe Bd. 12, S.104ff, insbesondere S.115ff!)

  • (I) "das wasserlose Hochland mit seinen großen Steppen und Ebenen" (man könnte auch andere unwirtliche Gegenden wie Berge, Dschungel, Wüste, Eismeer hinzufügen). Die kargen Lebensbedingungen ihrer Bewohner reichen nicht für die Entwicklung von Überschüssen, ihre Gesellschaftsstrukturen sind daher vergleichsweise archaisch und tendenziell konservativ. Kontakt mit den anderen Völkern ist entweder sporadisch (einzelne Händler) oder zufällig, oder in der Form von Überfällen und Raubzüge (bis hin zu ganzen Wanderungsbewegungen, siehe Hunnen, Mongolen usw.). Hier findet normalerweise keine Staatenbildung im eigentlichen Sinne statt, nur eine "Clanbildung" anhand von Familienstrukturen.
  • (II) "die Talebenen (das Land des Überganges), welche von großen Strömen durchschnitten und bewässert werden", der klassische Bereich der ersten antiken Hochkulturen (Ägypten, Mesopotamien, Indien, China usw.). Hier entstehen Überschüsse, und es entstehen erste Städte zur Verwaltung und mit spezialisierten Handwerkern, sowie gezielte Infrastrukturbauten: Kanal- und Straßennetz. Über diese (und die konstituierenden zentralen Flüsse) verkehren sie untereinander und mit den Nachbarorten.
  • (III) die Bewohner des "Uferland[es], das in unmittelbarem Verhältnisse mit dem Meere steht", die mit ihren Schiffen weite Strecken zurücklegen. Man könnte hier noch die Unterscheidung von Carl Ritter einflechten (von dem Hegel wahrscheinlich diese Konzeption hat), der bei der Schifffahrt noch eine
    • Binennschiffahrt (Mittelmeer-, Nord- und Ostsee, aber evtl. auch die Schiffahrt entlang des indischen Ozeans und der chinesischen Küste) von einer
    • transozeanischen, tendenziell dann weltweiten Schifffahrt unterschied.

Auch hier überwinden jedenfalls die Menschen die Grenzen, die ihrer Ausbreitung, ihrem Verkehr usw., durch die geographischen Gegebenheiten gegeben sind, mit der Zeit immer mehr (und kehren dabei teilweise gar diese um von Nachteilen zu Vorteilen, wie im Falle der Verbindungen über das Wasser).

Der Handel

Markt- und Handelsplätze

Es entwickeln sich in den Staaten Markt- und Handelsplätze, Messen usw.

Diese entstehen

  • naturgemäß zunächst einmal und vor allem in II (Staaten der Talebene), wo die ersten Überschüsse und, als Voraussetzung und weitere Folge, organisierte Arbeitsteilung in größerem Maßstab entsteht.
  • Sodann, aufbauend auf diese in (III), insbesondere als Verbindungsglieder zu den jeweils entfernteren Orten (Städte mit solchen Scharnierfunktionen finden sich dann idealerweise am Ende der Flüsse, dort wo sie ins Meer führen - Venedig, London, Danzig, Hamurg und Bremen, die Niederlanden und Portugal als ganze Küstenländer, usw. oder an der Grenze zwischen zwei Wirtschaftsräumen (z.B. Hamburg und Lübeck an der Verbindung zwischen Nord- und Ostsee, Levante und Italien als Verbindung zwischen Nahem Osten und Europa, Portugal, Spanien, England als Verbindung zwischen Europa und Amerika usw) als und an den Küsten um Binnenmeere herum - Mittelmeer, Nord- und Ostsee)
  • Die Nomadenvölker (I) entwickeln von sich aus eher keine Handelsplätze, sondern besuchen entweder sporadisch diejenigen unter (II) und (III) oder werden von Kaufleuten besucht oder es entsteht als Nebeneffekt bei wiederkehrenden, etwa jährlichen Festen/Versammlungen.

Während diese Märkte auch einen unmittelbaren Nutzen für die Bewohner selbst haben, und dazu auch von ihnen eingerichtet werden, werden diese auch von den Kaufleuten (die sich aus II entwickeln und sich in III selbständig organisieren, es gibt auch Übergänge von I nach III und direkte Gründungen von III) besucht und die Verkehrswege, die im folgenden besprochen werden, soweit diese nicht nur innerhalb eines Landes sondern zwischen Ländern sind, werden vor allem von diesen gesucht und genutzt.

Es gibt daher in diesen Handelsplätzen teilweise eigene Niederlassungen für fremde Kaufleute, eigene Viertel, Familienmitglieder, Glaubensgemeinschaften usw, teilweise mit eigener Gerichtsbarkeit, eigenem Lagerhaus (Lagerhaus der Deutschen in Venedig) usw.

Der Markt selbst wird von der ansässigen Bevölkerung und ihrer Herrschaft aufgemacht, die Kaufleute beziehen sich darauf und richten sich da ein. Sie wollen da möglichst gute Konditionen und die Landesherren locken sie teilweise mit solchen an, so wie heutzutage die Regierungen die Konzerne versuchen an ihren "Standort" zu locken. Ideal wäre für die Kaufleute (aus III) die Kontrolle des Marktplatze selbst, es reicht aber die Kontrolle über den Handel zu den Marktplätzen (Monopole durch Gilden, Familien, Religionsgemeinschaften usw.), an eine direkte politische Kontrolle ist erst einmal nicht gedacht (oder wenn, dann eben nur für ein Stadtviertel usw. - Kontore der Hanse usw.)

Handelsrouten

Zwischen diesen Märkten entwickeln sich Handelsrouten, zu Land und zu Wasser.

Auf diesen Handelsrouten gibt es naturgemäß die Infrastruktur dazu - Herbergen, Lager, Verkehrsmittel, Infrastruktur für die Verkehrsmittel usw. Auch diese sind zunächst einmal durch die jeweiligen Leute am Weg eingerichtet - der Handel der durch ihren Landstrich führt, macht sie reich.

Besonderheit der Schiffe

Bei Schiffen umgeht man einen Gutteil dieser Zwischenstationen und kommt schneller vorwärts bei grössere Transportkapazität (man muss aber mehr Kapital aufbringen, braucht mehr Technik-Know-How in der Produktion solcher Schiffe und der Unterhaltung usw.). Schiffe sind also schon ein Anfang von: "ich als Händler kümmere mich um die Infrastruktur". Die Wege mussten (ob zu Lande oder zu Wasser) auch gegen Räuber geschützt werden, der Anfang der Waffengewalt "fern der Heimat". Vom Schiff aus kommt dann auch der Gedanke Zwischenstationen von Seiten des Kaufmanns - statt von Seiten des Landeigners - (sozusagen als Verlängerung der Schiff-Infrastruktur aufs Land) einzurichten.

Verbindung zum äusseren Staatsrecht (Völkerrecht)

(3) Neben der vorgefundenen Natur (Geographie, Natur) und ihrer Bevölkerung (Anthropologie, Familie, bürgerliche Gesellschaft) und ihrer Selbstgliederung (Recht, inneres Staatsrecht) hat der Staat seine Grenze nach aussen in den anderen Staaten, die ihrerseits ein Stück vorgefundene Natur und ihre Bevölkerung beherrschen.

Dabei hat der Staat naturgemäß zunächst Kontakt mit den angrenzenden Staatswesen.

Über reisende Bürger, insbesondere Händler bekommt er Nachrichten von und Interesse an weiter entfernten Ländern.

Während nahe gelegene Länder in Teilen oder zur Gänze als potentielle Arrondierungen des eigenen Bereiches betrachtet werden (und man sich umgekehrt vor einer solchen Sicht durch das Nachbarland schützen muss), sind fernere Länder zunächst außerhalb eines solchen potentiellen dauerhaften Zugriffes: sie kommen in Frage als Verbündete, Handelspartner usw (evtl. auch als potentielle Raubgebiete bei Nomadenvölkern zu Wasser und zu Land).

Unterschied des Blickes auf die anderen Staaten, je nach Staatstyp

Auch hier unterscheidet sich die Sicht der verschiedenen Staatstypen:

  • Nomadenvölker (I) betrachten alles um sie herum als potentielle Beute, wobei ihr Aktionsradius durchaus weit sein kann, wenn sie mit Pferden oder Schiffen ausgestattet sind (wenn sie viele Schiffe haben, die weit fahren sind sie aber wohl eher unter III einzuordnen)
  • Die klassischen Staaten unter (II) denken in erster Linie an die Arrondierung ihres Staatsgebietes durch Unterwerfung der Nachbarstaaten (und evtl. Tributzahlungen weiter entfernter Staaten)
  • Die Seefahrerkulturen (III) hingegen betrachten die Geographie nicht vom Blickpunkt der räumlichen Nähe sondern vom Blickpunkt der Schiffahrtsrouten her. Für sie sind Niederlassungen an anderen Orten "normal" (insbesondere in der Anfangsphase, solange die Herrschaft über das betreffende Gebiet noch nicht intensiv ist, sondern gewissermassen "Poren" zulässt, und sich die jeweils Herrschenden dort aus der Niederlassung mehr Vorteile als Nachteile versprechen und/oder nicht in der Lage sind, diese Niederlassung zu beseitigen, etwa weil sie nur von der See her zugänglich ist).

Darum ist der Übergang zum Kolonialismus als einer ausbeuterischen Beziehung auf andere, entferntere Länder historisch zunächst in erster Linie aus (III) heraus gegeben. Auch der Druck entfernte Siedlungen zu gründen (die Kolonien im eigentlichen antiken Wortsinne) entsteht eher aus (III) heraus:

  • (I) haben keinen Bevölkerungsüberschuss und wenn, dann ergießt er sich eher als Raub/Plünderung und/oder Bevölkerungsbewegung in die Nachbargebiete,
  • bei (II) ist eine höhere Bevölkerungsdichte erst einmal das Resultat eines höheren Ertrages, die bessere Arbeitsteilung und Technik bringen erlauben eine höhere Bevölkerungsdichte welche wiederum eine bessere Arbeitsteilung usw. erlaubt. Wo nicht, schauen die Herrscher von (II) erst einmal an die angrenzenden Gebiete.
  • Die Stadt als höchste Stufe der Arbeitsteilung hat insbesondere als Küstenhandelsstadt keinen direkten Bezug mehr zu einer bestimmten Arbeitsproduktivität, wenn sich in ihr ein Bevölkerungsüberschuss entwickelt, so ist die mögliche Konsequenz klar das Fortziehen in eine neue Stadt.

Auch historisch ist klar, dass wir Eroberungen bis hin zu zusammenhängenden Weltreichen (im Falle des persischen Reiches, dem Islam, dem türkischen Reich, dem chinesischen Reich, Russland usw.) in (II) sehen, während die Gründung von Kolonien im Sinne von Niederlassungen in fernen Ländern, zu strategischen und Handelszwecken und um Siedler aufzunehmen bei (III) passiert: die phönizischen und griechischen Städte, die italienischen Seerepubliken, die Hanse (auch die Niederländer gehören teilweise noch in diese Kategorie).

Übergang zum modernen, westlichen Kolonialismus der Renaissance ff

(4) Mit der fortschreitenden Technik wird immer mehr gesellschaftliche "freie Energie" (nicht im Sinne von kostenloser, sondern von frei verfügbarer Energie) freigesetzt.

Sofern diese Technik die Verkehrstechnik und insbesondere den Schiffsbau angeht, wird dabei zugleich auch der Aktionsradius immer weiter ausgedehnt.

Ende des 15./Anfang des 16.Jahrhunderts ist dabei das Stadium erreicht, dass nun Schiffe gebaut werden können, die prinzipiel jeden Ort der Erde erreichen können. Die Erde wird nun in historisch gesehen rascher Folge erkundet und darauf inspiziert, wo es "was zu holen gibt".

Dort wo es sich lohnt, werden zunächst einmal Küsten-Niederlassungen errichtet, um die Reichtümer der Erde durch Tausch, Erpressung/Raub oder einfach Aneignung an sich zu bringen. Dies schliesst insbesondere bei Gold- und Silbervorkommen auch Bergwerkstätigkeiten ein.

Die erbeuteten Schätze erlauben es, weitere Ressourcen in noch mehr Kolonialaktivitäten zu stecken, die wiederum die Produktivkräfte anregen usw. Sofern die Aktivitäten vor Ort sich auf Dauer lohnen, bilden sie die Grundlage für eine sich entwicklende Siedlerkultur - zu den Erkundungs- (überall), Handels- (gegenüber dem länger noch überlegenen Islam und Asien) und Raubfahrten (vor allem in Afrika und Teilen Lateinamerikas) kommen Siedlunsgaktivitäten die sich lohnen - und/oder die strategische Bedeutung besitzen - hinzu (vor allem in Amerika, aber vereinzelt auch anderswo, etwa Südafrika, Australien).

Dabei fängt das jeweils mit einer geringen Investition an: ein oder wenige Schiffe erkunden und fahren dann regelmässiger erst alle paar Jahre, dann öfters, wenige Siedler bleiben für ein erstes Fort und sterben dann/werden niedergemacht oder es stellt sich heraus, dass es sich lohnt und diese bleiben dann und entwickeln sich.

Die ersten Niederlassungen sind idealerweise zugleich nützlich für den Handel und von strategischer Natur (Ausgangsbasis für die weitere Küstenschiffahrt, Auffrischung von Wasser und Vorräten, Depot, Ausgangspunkt für weitere Erwerbungen, usw) aber nicht überall, wo eine etwa zur Zwischenlandung benötigte Stelle ist, ist auch eine für den Erwerb nützliche Stelle (und manchmal auch umgekehrt), so dass, je mehr sich das Geschäft lohnt, auch ein Ausbau solcher Bereiche stattfindet.

Dies ist die Zeit des Kolonialismus, wobei ich es sinnvoll fände, zwischen den Phasen mit nur geringer Besiedlung (nur Bestückung von Handels- und strategischen Posten) und der eigentlichen Besiedlung (die aus sich heraus selbst lohnend wird) zu unterscheiden.

Wenn ich dieses mit dem oben entwickelten, speziell zu den Schiffen und den Seefahrtsstädten entwickelte, vergleiche, dann sehe ich hier zunächst einmal keinen grosen Unterschied zu früher, abgesehen von der grösseren Reichweite der Schiffe und damit dem weit grösseren Einzugsgebiet dieser Kolonialaktivitäten. Es ist also an der Zeit zur Abgrenzung und Überprüfung (der Abgrenzung) einen Vergleich mit ähnlichen früheren Aktivitäten zu machen

Abgrenzung zu früherem Kolonialismus

Phönizier und Griechen

Die Phönizier gründen Siedlungen (Karthago) und Niederlassungen im ganzen Mittelmeer und ihre Flotten fahren bis nach Cornwell (Zinn) und in die Ostsee (Bernstein). Schwerpunkt scheint Handel gewesen zu sein, Besiedlung scheint weniger wichtig gewesen zu sein, vielleicht auch wegen einer zu geringeren Bevölkerungsdichte und -menge in ihren Städten.

Die Griechen besiedeln Unteritalien ("Magna Graeca", Grossgriechendland) bis nach Sizilien, die gesamte Küste der heutigen Türkei (Kleinasien) und das gesammte Schwarze Meer bis hoch zum Kaukasus (von diesen weit verstreuten Aktivitäten und dem geographischen Wissen darum finden sich auch Kunden in der Odysee, der Geschichte der Agronauten und andere griechische Sagen).

Ich müsste das Thema mehr recherchieren, auf den ersten Blick sieht es für mich so aus, als ob die griechischen Kolonien, im Gegensatz zu den phönizischen, in erster Linie Gründungen sind, um des Bevölkerunsgüberschusses Herr zu werden, die Kolonien werden dann auch selbst unabhängig.

Das was hier geteilt vorliegt (Handelstützpunkte und "Kinder"-städte um den Bevölkerunsgüberschuss los zu werden) wird später im modernen Kolonialismus zusammen auftreten, aber auch in dieser historischen Reihenfolge.

Wikinger

Werden im klassischen Geschichtsunterricht, aus deutscher Perspektive, trotzt "Wickie" (der Zeichentrickserie), in erster Linie als Seeräuber (also in der Kategorie I) wahrgenommen. Aber :

  • sie waren für ihre Zeit führend im Schiffsbau.
  • Sie machen echte Besiedelung (Island, Grönland, Nordamerika)
  • gründen eigene Reiche (Normandie, Siziilien, Grossbritanien, Novgorod)
  • sie machen für ihre Zeit sehr weite Entdeckunsgfahrten bis nach Baghdad, Mittelmeer und Nordamerika
  • und auch ihre Raubzüge sind wahrscheinlich dem Treiben ihrer Renaissance-Nachfolgern in Portugal und Spanien nahe (die Perspektive, aus der wir die Wikinger wahrnehmen, dürfte sich nicht besonders von der Perspektive der südamerikanischen oder afrikanischen Urbevölkerung gegenüber den europäischen Eroberern unterscheiden).

Also vielleicht die ersten Vorläufer des modernen Kolonialismus? Oder zumindest vom Typ III?

Ökonomisch sind die Wikinger anscheinend Opfer der kleinen Eiszeit gewesen. Über England und Russland haben Staatsgründungen von ihnen später noch Anteil am Weltgeschehen, aber da die Traditionslinie von der eigentlichen Wikingerzeit dabei keine grosse Rolle spielt, bleiben die Wikinger eher ein Nebenarm der Geschichte (den man erst aus späterer Perspektive wieder entdeckt: siehe da, die Wikinger waren auch schon in Nordamerika. Nordamerika wurde historisch öfters "entdeckt", durch Angehörige vieler Völker, nur hatte es erst bei den Entdeckungen der Renaissance durch Spanier, Portugiesen (Brasilien nur wenige Jahre nach Kolumbus, unabhängig von ihm), Engländer (Cabotto) dann bleibende Folgen (u.a. weil man erst seit dieser Zeit auch zuverlässig wieder den Weg zurück fand).

Hanse

Die Hanse als Verbindung von Handelsstädten hat in erster Linie Handelsniederlassungen: eigene Stadteile (etwa den "Stahlhof" in Lodon), eigene Lagerhäuser u.ä. Dazu Verträge, etwa in England, die ihnen vorteilhafte "Terms of Trade" zusichern und eine eigene Flotte (gegen Piraten, die aber auch schon mal gegen den König von Dänemark erfolgreich eingesetzt wird). Monopolisiert damit den Handel in Nord- und Ostsee bei vergleichsweise geringen Kosten. Also eher ein Vorläufer der "informellen Herrschaft", weniger für die klassische Kolonialherrschaft (dort wo die Welser Teile von Südamerika zur exklusiven, direkten Ausbeutung zugewiesen bekomemn, scheitern sie).

italienische Handelsstädte

Die italienischen Handelsstädte (Amalfi, Pisa, Genua, Veendig usw) des Mittelalters stehen in einer langen Tradition des Mittelmeerhandels.

Speziel Genua und Venedig kommen dabei auch der kolonialen Tradition nahe: Genua beherrscht Korsika vor seine Haustür und hat Stützpunkte bis hin an der Kpste des schwarzen Meeres (Handelskontakte mit den Mogolen der Goldenen Horde), Venedig nimmt regelrecht ein Muster des britischen Kolonialreiches vorweg (Kolonien entlang - aus Flottensicht - enstcheidender strategischer Stützpunkte), von der kroatischen Küste der Adria über die Kykladen bis hin nach Kreta. Und baut darauf eine Art Handelsmonopol für den Handel mit Asien auf (denen später die Türken ihrerseits ihr Handelsmonopol gegenüber stellen, was dann den Wert des venezianischen Handelsmonopols schrumpfen lässt), gepaart mit Mitteln der informellen Herrschaft (bis hin zu einem sehr weitverzweigten Spitzel- und Spionagesystem nach innen und aussen, mit Einflussagenten, Bestechungen usw. - die entsprechenden Archive sind noch vorhanden und für historische Forschungen sehr ergiebig und werden erst die letzten Jahzehnte für die historische Forschung ausgewertet)

Die italienischen Handelsstädte haben aber das Problem, das sie (sehr geschickt) in einem von der islamischen (erst arabischen, später türkischen) Zivilisation dominiertem Mittelmeer operieren, die ihnen wirtschaftlich, technologisch und militärisch überlegen sind, kein eigens Hinterland haben (typische Länder des III Typs) und später für den Handel mit Amerika (und auch für einen Direkthandel mit Asien um Afrika herum) geographisch ungünstig positiniert sind.

Die ersten Seefahrer der "modernen Kolonialmächte" sind auffallend oft Italiener (Colombo, Amerigo Vespucci, Cabotto).

Islam (Araber, Türken, Moghul)

Die Zivilisation/Kultur/Reiche des Islams waren viele Jahrhunderte (eben bis etwa zur Renaissance) die führende kulturelle und technologische Macht im Westen (u.a. mit ihrer Verbindung der frühchristlichen und jüdischen Religion, ihrer Aufbewahrung und Weiterentwicklung der antiken, insbesondere griechischen Kultur (das islamische Weltreich beinhaltete ja fast des gesamte Oströmische Reich und fast den gesamten Kulturraum des alexandrinischen Reiches (und des von diesem besiegten persischen) Reiches, hatte zudem Verbindungen zur indischen ("arabische" Ziffern) und chinesischen (Papier!) Kultur, die es in einer mächtigen Synthese verschmolz (Der Aufstieg Europas beginnt in Auseinandersetzung mit der arabischen Kultur - die Kreuzzüge und die Gotik, die direkte Konfrontation und Austausch im Mittelmeer (wo die Araber zunächst beherrschede Seemacht sind und auch den Handel mit Asien bestimmen), die Rezeption der arabischen Kultur in der iberischen Halbinsel durch die dortigen Juden (über die dann die Kunde auch ins restliche Europa kommt) usw.

Als typische Landmacht erobern die islamischen Reiche keine Kolonien, sondern zusammenhängende Weltreiche. Arabische Händler dominieren aber für viele Jahrhunderte den Fernhandel im indischen Ozean, bis hin nach Madagaskar und Indonesien, wo sie mit hinduistischen indischen Händlern (und in Indonesien auch mit chinesischen) in Konkurenz stehen.

Interessanterweise kommt es (durch Mission? Jedenfalls zumindest im Falle Indiens auch durch Eroberung durch die islamischen Mongolen Timur Lengs, die Moghul Dynastie, die zunächst Nordindien beherrscht - ein kulturelle Grenze die noch heute in Indien drastisch spürbar ist - und die dann später sogar erstmals Indien fast ganz einigt) auch zur Gründung von islamischen Reichen in diesem Bereich, aber anscheinend zu keinen (abhängigen oder unterworfenen) Kolonialreichen im engeren Sinne.

Einschub - China

Siehe

Chinas Flotte am Anfang des 15.Jahrhunderts ist ein überzeugender Beweis, dass die technischen Vorraussetzungen und die ökonomische Potenz zur Erklärung des modernen westlichen Kolonialismus nicht hinreichen.

Rückblickend scheint es gerade entscheidend zu sein, dass das chinesische Reich so gross und mächtig ist, dass es auf die kolonialen Aktivitäten nicht angewiesen ist. Als typische Landmacht ist es eh eher an angrenzenden Ländern interessiert. Die flottenmässigen Aktivitäten scheinen eher der Ergänzung gedient zu haben, um auch noch die letzten Reiche an de Peripherie in Tribut zu wissen.

Die Perspektive Admiral Zheng Hes zeigt aber durchaus Parallelen mit westlichem Renaissance- und Barock Denken auf, hätte es sich durchgestezt (und das heisst vor allem: hätte es Nachfolger gefunden und weiteren Gefallen bei Hofe), dann hätte es China möglicherweise in seinem Charachter geändert (Die gängige Erklärung etwa, dass diese Entdeckungs- und auch Handelsreisen in Konflikt mit der konfuzianistischen Staatsmoral waren, ist ja eine Ex post Analyse. Ähnlich wie in Europa hätte die Konfrontation zwischen "alten" und "neuem Denken" ja auch für das Neue positiv ausgehen können, der Ausgang stand nicht im vornherein fest).

Seemächte als erste modernen, westlichen Kolonialismächte der Renaissance ff

Portugal

Portugal und Spanien profitieren von dem Kontakt mit der islamischen Hochkultur, zu der ihr Staatsgebiet bis vor kurzem gehört hatten. Geographisch profitieren sie zudem von ihrer westlichen Randlage, die ihnen gute Startchancen bei der Umselglung Afrikas und dem Kontakt mit Amerika bringt.

Als (bezogen auf die Mittelmeerlage) Randnation (aber zugleich, als "Mündungsnation" das "Holland der westlichen iberischen Halbinsel") ist Portugal auch nur schwach am Schiffsverkehr zwischen Hanse und Mittelmeer beteiligt (der zunächst noch hauptsächlich über Land (und Flüsse), vor allem über Frankreich und Deutschland geht).

Speziell unter Heinrich dem Seefahrer entwickelt es die Seefahrt (Navigation, Schiffstechnik, Landkarten) und tastet sich systematisch Stützpunkt für Stützpunkt die Küste Westafrikas entlang Richtung Süden.

Als öknomischer Erfolg sind die direkten Kontakte mit den Ländern Westafrikas (Elfenbein, Gold usw) in greifbarer Nähe (nicht nur der Handel mit Indien und ganz Asien, sondern auch der Handel mit den Transsahara-Staaten war ja durch die Araber monopolisiert), als Fernziel galt der Seeweg nach Indien, den Vasco da Gama 1498 (6 Jahre nach der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus 1492) dann auch tatsächlich enteckte.

Aus diesen Aktivitäten entwicklen sich also:

  • Stützpunkte an der afrikanischen Küste, z.T. um vor Ort Handel zu treiben, z.T. als Stützpunkte für die Weiterfahrt nach Indien (speziell am Kap der Guten Hoffnungen)
  • Handelsniederlassungen in Indien, Ceylon, später, auf den Spuren arabischer Handelswege, in Indonesien (Gewürzindinseln), noch später dann in China und Taiwan.
  • Brasilien (per Zufall entdeckt für Portugal durch Cabral, unabhängig von und wenige Monate nach seiner Erstentdeckung durch Pinzon, dem Kommandanten von Kolumbus' Nina). Brasilien wird, durch den Zuckeranbau, so reich, dass es die eigentliche Kolonialisierung durch Siedler lohnt (und später das Mutterland an Bedeutung überflügelt).

Zu Zeiten der Personalunion von Portugal mit Spanien (ab 1580) kann es, aufgrund der anderen Schwerpunkte des spanischen (und portugieschen) Monarchens (zunächst Philip II in seinen Kämpfen mit Frankreich, den holländischen Aufständischen, den Türken und England - von den Kolonien interessieren ihn in erster Linie die Edelmetalllieferungen aus Südamerika), seine Kolonien nicht halten und verliert die wichtigsten davon (bis auf Brasilien, aber selbst dieses zeitweise) an die Niederlande. Spätestens im 18.Jahrhundert wird es ökonmisch abhängig von England.

Was ist bei dem portugiesischen Kolonialismus anders als die vorherigen, was erlaubt uns von einer neuen Qualität zu sprechen?
  • wissenschaftlich planmässige Schiffahrt und Entdeckung
  • langfristige Planung
  • grosse Entfernungen durch bessere Schiffe: Südamerika, Kap, Indien, Indonesien, China
  • tendenziell weltumspannend
  • mit Amerika einerseits, dem direkten Schiffahrtsweg von Europa nach Indien andererseits sind welthistorisch neue Konstellationen vorhanden
  • erste dauerhafte Siedlungen ausserhalb des traditionellen Gebietes von Europa und Mittelmeerraum

Vielleicht in dem Zusammenhang noch besonders wichtig: Auch wenn Portugal eine klassische Seemacht, eine Seenation ist (Küste, Mündungen usw), so gehen doch die Aktivitäten hier nicht von den Kaufleuten oder einzelnen Städten (oder einem Städtebund wie der Hanse) aus, sondern vom König, einem Land. Das wird sich im Fall von Spanien, England, Frankreich, Russland wiederholen, es ist charachteristisch für die neeu Zeit und in der Tat ein wichtiger Unterschied gegenüber früher.

Spanien

Spanien ist bis 1492 voll und ganz mit der Wiedereroberung des spanischen Teritoriums von den Arabern beschäftigt, welche Spanien 1492 erfolgreich abschliesst. Charachter ist also hier stark militärisch (und religiös fanatisch), sie schmeissen bei der Gelegenheit auch gleich die intelektuelle, technische und kaufmännische Elite in Form der islamischen und jüdischen Bevölkerung raus (und wenn sich diese taufen lassen, werden sie immer noch misstrauisch betrachet und haben weniger Rechte). Durch die vorherige arabische Kultur ökonomisch und technisch stark, aber durch den Krieg und die Vertreibung schon geschwächt.

Spanien hat keine Tradition als Seefahrernation. Kolumbus hat seinen Plan erst Portugal angeboten (in dessen Diensten er - in der Afrikaflotte- vorher stand, die aber diese nicht nötig hatten, weil sie einen sicheren Weg nach Indien "in der Mache" hatten und weil sie Kolumbus nachweisen konnten, dass seine Berechnungen vom Umfang der Erde falsch sind (diese beruhen auf den Messungen von Erastothenes, es gibt eine Unsicherheit wie das Mass dass er dabei angibt zu verstehen ist, Kolumbus nimmt aber ein noch geringere Schätzung dafür an als selbst die geringste bisher existierende Interpretation dafür).

Die Spanier kommen also (auch als Nicht-Seefahrer-Nation) eher zufällig zu ihrem Kolonialreich. Erstaunlich ist insbesondere, dass die spanischen Eroberer zwei Grossreiche (Atzteken und Inkas) im Handstreich nicht nur erobern, sondern auch halten können, was ihnen einen ganz anderen Ausgangspunkt gibt, als nur Stuetzpunkt (über eine so grosse Entfernung hinweg ist das historisch ohne Vorbild). Zudem bringen hier die ebenfalls beispiellosen Gold- und Silberfunde genügend Ressourcen, so das sich alle Kolonialunternehmen fuer die Spanier lohnen (und gleich noch den Aufstieg etwa Englands Schiffahrt aus der Piraterie dieser Gold- und Silberlieferungen mit finanziert).

Holland

England

Landmächte als Sonderfälle

Russland

Frankreich

Deutschland

Besonderheiten des modernen Kolonialismus

Im Prinzip liese sich so ein Muster der Kolonialisierung auch analog frühere, etwa bei den alten Griechen und Phöniziern oder den Arabern nachweisen, der wichtigste Untreschied des "westlichen", "Abendländischen" Kolonialismus der Renaissance besteht darin,

  • dass seine Schifffahrtstechnik besser ist, diese nicht mehr auf Küstenschiffahrt angeweisen ist und praktisch überall hin kommt (also auch auf die entlegenen Inseln, die bisher hier kein Mensch in Besitz nahm),
  • diese auch aufgezeichnet wurden (Katographie) und
  • dass ihnen auch eine waffentechnische Überlegenheit (in Form der Kanonen usw) zur Verfügung stand und
  • dass es ihnen gelingt, die Ergebnisse der Kolonien in ihre Wirtschaft zu pumpen, so dass sich hier ein selbstverstärkender Prozess ergibt
  • (wir werden sicher noch ein paar weitere Punkt finden).

Übergang zum (klassischen) Imperialismus

(5) Der Übergang zum Imperialismus scheint mir einfach einer der Intensität zu sein:

Während im modernen Kolonialismus schon die ganze Welt ins Blickfeld kommt und auch tatsächlich überall Schiffe landen, Siedlungen errichtet werden, so war die tatsächliche Durchdringung noch klein, es werden hauptsächlich die Küsten (von den Schiffen aus) beherrscht und auch an den Küsten sind die einzelnen Stützpunkte in weiten Abständen (So dass sie auch mit dem Schiff oft in tages- oder gar wochenreisen von einander entfernt sind). So bleibt die exklusive Nutzung der neuentdeckten Welt durch Portugal und Spanien eher eine Illusion, die sie garnicht ausfüllen könen.

Dagegen ist die Teilung Afrikas im späten 19.Jahrhundert zunächst zwar auch nur eine Teilung auf dem Papier, aber die Staaten haben das Potential diese nun auch tatsächlich in die Wirklichkeit umzusetzen.

Siehe auch