Wahrheit

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Version vom 8. Juli 2012, 23:15 Uhr von Kai (Diskussion | Beiträge) (Das Wahre ist das Ganze)

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Disclaimer

Disclaimer: dieser Artikel (aus meiner Hegelwerkstatt) gibt, wie alle meine Hegel-Kommentare, nicht einfach 1:1 den hegelschen Wortlaut wieder, sondern meine Interpretation Hegels, die allerdings aus langjährigem Nachdenken über Hegels Texten (und der Sekundärliteratur dazu) erwuchsen. Ich lade also dazu ein, zu prüfen, inwiefern die hier vorgeschlagene Umgang mit dem Thema - gerade auch im hegelschen Kontext- Sinn macht.

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Was ist Wahrheit?

Die klassische Wahrheitstheorie - Die Übereinstimmung von Theorie und Gegenstand

In der klassischen Theorie der Wahrheit ("Korrespondenztheorie"), die jeder intuitiv vertritt, die Hegel für "unendlich wichtig" hält (auch wenn er sie kritisiert und erweitert/aufhebt) und die auch die anderen Wahrheitstheorien zumindest mit berücksichtigen müssen, ist ein Satz wahr, wenn er denn "in der Wirklichkeit" eine "Entsprechung" hat ("der Fall ist", wie Wittgenstein und der logische Atomismus sagen, die Wirklichkeit angemessen "wiederspiegeln" wie Lenin und in seinem Gefolge der klassiche Marxismus-Leninismus sagen).

Und auch wenn uns das heute - am Endpunkt einer immer misstrauischer, rafinierter und komplexer werdenden Konzeption von Wahrheit - intuitiv eher naiv vorkommt, so bewährt es sich doch, bei Zweifeln, ob draussen ein Ufo gelandet ist, das Licht ausgemacht wurde, die Kinder die Zähne geputzt haben, heute Sonntag ist uswusf, einfach erst einmal "nachzuschauen".

Der Gegenstand ist hier also (ganz im Sinne der Empiristen und Materialisten -s.u.- ) der Maßstab der Wahrheit.

Wie und wo den Vergleich anstellen?

Frage wäre allerdings schon hier, wie man denn diesen Vergleich zwischen Vorstellungen/Modellen "in unserem Kopf" einerseits, in der "Wirklichkeit" ("ausserhalb unseres Kopfes") andererseits praktisch durchführen kann. Mal abgesehen von den spezifischen Problemen die sich teilweise bei den einzelnen Fragen einzeln stellen:

Findet der Vergleich innerhalb oder ausserhalb unseres Kopfes statt? Oder in einer dritten Stelle? In jedem Fall stellt sich die Frage, wie denn die getrenten "innerhalb" und "ausserhalb" zum Vergleich zusammen kommen (und verglichen, was ja eine Gleichheit voraussetzt) können.

Um diese Probleme zu umgehen, werden in so mancher modernen Theorie nur noch formale Kritierien behauptet, die diesen Vergleich nicht mehr benötigen, etwa die "Konsistenztheorie", wonach es nur darauf ankommt, dass sich die Theorie nicht widerspricht.

Auflösung

Eine Auflösung finden diese unterschiedlichen Fragen darin, dass man sich klar macht, dass der Vergleich (zwischen -per Sinneseindrücken vermittelten- Aussenwelt (über die Komplexität der dabei stattfindenden Prozesse gibt Hegel in seiner Lehre vom Subjektiven Geist Auskunft) und Innenwelt) in unserem Kopf (präziser: in unserem Geist) stattfindet (und sich daraus auch der Unterschied von Innen- und Aussenwelt ableiten laesst, dieser ist dadurch also nicht geleugnet).

Damit erweitert sich das Konzept der Übereinstimmung zwischen Subjekt und Objekt dann auch tatsächlich zur Konsistenztheorie der Wahrheit in dem Sinne, dass die klassiche Theorie darin "aufgehoben" ist.

Konsequenz: die logische Verarbeitung der vielen Aspekte

Es ist nun nicht nur die Aufgabe, Objekt (Sinnes-/Messdaten) und Subjekt (Modell/Konzept) in Übereinstimmung zu bringen, sondern alles, was sich uns über den Gegenstand von aussen erreicht (einfache Sinnesdaten, Messdaten, Erfahrungen, Berichte anderer, Theorien über den Gegenstand in Büchern usw.), und unsere eigenen "Zutaten" dazu (weitere Schlussfolgerungen, Ansichten, Gefühle, Intuition usw) zu einem logisch konsistenten Ganzen zu verarbeiten. Einfach formuliert: Das Ganze muss tatsächlich (logisch) zusammenpassen.

Der Logik kommt dabei also beim Denken, in der Wissenschaft und bei der Wahrheit die Aufgabe zu, das gegebene, vielschichtige Material so logisch zu ordnen, dass es zu einem kompletten Ganzen wird (das schliesst auch ein, dass dabei herauskommt, dass es an der einen oder anderen Stelle an Informationen/Fakten/Material fehlt, die dann vorerst noch Leerstellen bleiben oder dann - je nach Möglichkeit- nachgefragt werden müssen, etwa auch in Form von Experimenten oder anderweitiger Recherche).

Diese verschiedenen Aspekte, Blickwinkel usw. gilt es dabei nicht einfach nur, im Sinne einer "Collage", nebeneinander zu kleben, sondern zu einem logisch geordneten Ganzen zu verarbeiten (auch da, wo nur eine "Collage", etwa in einem Film, einem Roman, oder einem Kurs erfolgt, ist dan der Prozess dieses zu einem logischen Ganzen zu machen dann nur auf den Zuschauer/Teilnehmer verlagert).

Nebenbei1: Natürlich kann man das Material auch beliebig anders ordnen, die freie Assoziation der Träume, die Produktionen der Kuenstler uswusf zeigen dies. Zum einen gehören die logischen Beziehungen der Gegenstände aber zu ihnen, so dass man bei ihrer Weglassung eben etwas von ihnen weglässt und so nicht das Ganze hat, zum anderen sind die Produktionen von träumerischer und künstlerischer Phantasie offensichtlich eher subjektiver (als objektiver) Natur (verdanken sich also eher dem Subjekt als dem Objekt) und werden den Gegenständen daher gerade weniger gerecht (und im Alltag erwartet ja in der Tat auch jeder, dass man durch das Nachdenken über einen Gegenstand *diesen* besser erkennt, diesem gerechter wird).

Nebenbei2: Die Hegelsche Seinslogik beschreibt dabei die Seite der Phänomene (die ihrerseits nicht weggelassen werden können und, wie sich herausstellt, auch durchaus etwas mit dem weiteren Prozess zu tun haben), die Wesenslogik den Prozess des "logischen Verdauens".

Einwände: Unwissenheit und Skeptizismus

Zur Frage, ob es jenseits der im jeweiligen menschlichen "Erfahrungsraum" eine andere "Wirklichkeit" gäbe, die dabei nicht berücksichtig wird und daher nicht in Übereinstimmung mit den menschlichen Nachdenken über den Gegenständen läge, habe ich in "Unwissenheit und Skeptizisums" ausführlich geantwortet: zunächst ist diese Differenz nur ausgedacht, da sie ja - dies der Ausgangspunkt der Konstruktion- jenseits der menschlichen Erfahrung liegt (also gerade nicht in einer menschlichen Erfahrung ihre Ursache haben kann), sodann ist also die Frage, wie man diese feststellen könnte (wie den Vergleich anstellen, s.o.), was offensichtlich unmöglich ist und daher hat diese vorgestellte Differenz offensichtlich keine praktische Konsequenz (ich kann nie in die Verlegenheit kommen, zu erfahren, dass ich falsch liege) und offensichtlich also auch theoretisch irrelevant (da es als Unterscheidungsmerkmal zwischen einer richtigen und falschen Theorie anscheinend nichts taugt, da, so wie diese grundsätzlicher Abweichungsverdacht konstruiert ist, er auf jede noch so gute Theorie zutrifft).

Stattdessen löst sich der Einwand dahingehend auf, doch alles Aspekte mit zu berücksichtigen und dabei auch vorsichtig vor "vorschnellen" Antworten zu sein und offen für die Korrektur von Irrtümern und Aufnahme von Erweiterungen (Was sich aber alles unterm Strich wieder auf die Berücksichtigung aller Aspekte - "die Wahrheit ist das Ganze" - zurückführen lässt).

Das Wahre ist das Ganze

Im Folgenden werden nun noch einmal einige der typischen Aspekte und Argumente für Pluralismus, Empirismus usw. angesehen, so dass man für sich daran prüfen kann, ob in der Tat der hier gegebene Wahrheitsbegriff diese angemessen fasst

(denn offensichtlich muss eine so gefasste Wahrheitstheorie in der Tat auch alle anderen Konzepte von Wahrheit mit in sich aufheben)

(Übrigens scheint mir das hier dargestellte Hegelsche Wahrheitskonzept auch mit dem von Leibniz kompatibel zu sein, wobei Leibniz von der Richtung der Vereinbarkeit ("Komposssibilität") an das Ganze heran geht):

Paradox - sich wundern als Ausgangspunkt des Lernens:

Philosophie beginnt mit dem sich wundern, sagt Aristoteles, und in der Tat beginnt das Bedürfnis, etwas nicht mehr als einfach unproblematisch Gegebenes hinzunehmen, sondern darüber nachzudenken, damit, dass sich etwas als problematisch herausstellt, ein Paradox/Widerspruch auftritt (in der pädagogischen Motivation durch Lehrer z.B. dahingehend, dass etwas präsentiert wird, das die Lernenden nicht erklären können, aber dieses erklären wollen).

Der gesuchte Fortgang ist dann natürlich, dass nach einer Lösung gesucht wird, die das bestehende Wissen und das neue, erklärungsbedürftige Phänomen, das sich mit dem bisher Gewustem nicht erklären lässt (sondern diesem vielleicht gar augenscheinlich widerspricht) auf einer neuen Ebene aufhebt.

Pluralität der Sinne:

Man sagt, die Sinne täuschen sich, aber in der Praxis ist es in der Regel so, dass wir zumindest von einem Sinn die Auskunft über die Täuschung des anderen Sinnes bekommen: wir fühlen, dass wir die gesehene Fata Morgana nicht anfassen können; wir sehen umgekehrt, dass der gefühlte Reiz unserer Haut nicht von dem, von dem wir es vermuteten, ausgeht, sondern von etwas anderem usw. Die unterschiedlichen, sich vordergründig widersprechenden Sinnesdaten sind dabei etwas, das wir in einem überzeugenden Gesamtbild zusammenfügen wollen.

Zeugenaussagen:

Wer kennt nicht die verschiedenen Zeugenaussagen in einem Krimi/Detektivgeschichte oder auch bei sonstigen Recherchen (Oral History oder auch im Alltag etwa beim Streit zwischen Geschwistern). Bekannt wurde etwa der Film "Rashamon" (oder aktuell - und trivialer- die "Rotkäppchenverschwörung"). Auch hier ist das Ziel, aus den verschiedenen, sich vordergründig widersprechenden Zeugenaussagen zu einem Gesamtbild zu kommen (wobei hier natürlich zusätzlich zu berücksichtigen ist, dass hier auch die unbewusste oder bewusste Verfälschung von Aussagen in Frage kommt, da es hier Gründe gibt, von der - jeweils aus der eigenen Perspektive wahrgenommenen - "Wahrheit" in dem jeweiligen Bericht abzuweichen. Aber auch das wird sich am Ende einer befriedigenden Zusammenschau rekonstruieren lassen).

Empirismus:

In dem Übergang von der Scholastik zum Empirismus (zumindest so, wie uns dieser aus der Perspektive des Empirismus heutzutage erinnert wird) wird betont, dass in der Scholastik nur die Autorität der Schrift (Bibel, Aristoteles) relevant war, man garnicht in der "Wirklichkeit" nachgeschaut hätte (Bebilderung: die angebliche Weigerung der Theologen, durch Kepplers Fernrohr zu schauen um die Monde des Jupiters selbst zu beobachten).

Durch diesen Dogmatismus wird der Widerspruch (mit einer möglicherweise abweichenden "Wirklichkeit") dadurch vermieden, dass man etwas ausblendet, garnicht hinschaut, nicht überprüft (und Abweichendes, falls es dennoch so auftritt, dass man es nicht ignorieren/verdrängen kann, dann konsequent verbietet: Inquisition).

Aber auch ganz unabhängig vom Umgang eines religiösen oder politischen "Totalitarismus" oder "Fundamentalismus" mit "abweichenden/unliebsamen Fakten": es kommt - auch und gerade heutzutage, wo man offener hinschauen möchte - einfach vor, dass etwas "in der Theorie" (die dann vorsichtshalber "Hypothese" oder "Modell" genannt wird) gut ausschaut, und man dann, bei der Überprüfung, oder Aufgrund von inzwischen verbesserten, feineren Messmethoden (so sind viele Differenzierungen in den weiter fortgeschrittenen physikalischen Theorien erst aufgrund verfeinerter Messungen wahrzunehmen und zu entscheiden), dann zu der Theorie widersprechenden Ergebnissen kommt, die es zu erklären und integrieren gilt, was von einfachen Änderungen/Erweiterungen bis hin zu "Paradigmenwechseln" gehen kann.

(Aber natürlich kann man auch in dem heutigen realexistierenden Wissenschaftsbetrieb, der ja auch nur von fehlbaren menschlichen Wesen betrieben wird, unliebsamen Fakten wegerklären und ignorieren, ein Feld u.a. für die Wissenschaftssoziologie, dass die teilweise Berechtigung der eher pessimistischen Beschreibungen etwa bei Kuhn aufzeigt. Dabei sollte man dieses ansich unwissenschaftliche Verhalten aber zumindest an den hier gennanten Maßstäben für ein richtiges wissenschaftliches Vorgehen aufzeigen und kritisieren können).

Skeptizismus, Ding an sich und Modelle:

Aus dieser Erfahrung kann der Skeptiker einen Vorbehalt gegen die bestehenden Erklärungen ableiten:

Auch diese bestehenden Erklärungen eines Gegenstandes werden sich möglicherweise später als ungenügend erweisen. Als "Erinnerungsposten" für diese Abweichung postulieren wir "das Ding an sich", das auch von unseren Erklärungen abweichen kann. Dementsprechend stellen sich diese Erklärunegn in dieser skeptischen Perspektive dann nur als "Modelle" der Wirklichkeit dar. (Im Materialismus auch marxistisch-leninistischer Variante hat sich dieser skeptische Vorbehalt, bei allem "Erkenntnisoptimismus", erhalten in der Unterscheidung der "realen" Materie und den "nur abgeleiteten" Ideen im Geiste).

Wird dieser Standpunkt hingegen nicht berücksichtigt, so kann sich garkein Bedürfnis zur Überprüfung/Nachschauen entwicklen und stattdessen ein Dogmatismus enstehen.

Bei Hegel ist dieser Standpunkt des Skeptizismus und Kritizismus also wichtig ("Zweite Stellung zur Objektivität") und wird in dem Prozess (und der Aufhebung als seinem Resultat) mit berücksichtigt/aufbewahrt.

unterschiedliche Theorien:

Wenn sich Theorien als Erklärungen von "Fakten" widersprechen (oder den Gegenstand nur jeweils teilweise erklären können ohne sich nahtlos zusammenzufügen), so wird dies zumindest in der Naturwissenschaft als Problem wahrgenommen, das gelöst werden muss: entweder indem die andere(n) Theorien falsifiziert werden und/oder indem die Theorie(n) weiterentwickelt werden, so dass sie zu einer neuen Theorie werden, in der die fraglichen vorherigen Theorien (zumindest in ihrem Erklärungsgehalt) integriert werden (bei grundlegenden Erweiterungen mit, sonst ohne Paradigmenwechel)

Nebenbei: ähnlich wie sich am Ende einer erfolgreichen Ermittlung alle Zeugenaussagen erklären lassen, und dabei auch Falschaussagen, die nicht direkt berücksichtigt werden, als Falschaussagen mit erklärt werden, so sind am Ende einer Zusammenfassung aller Theorien auch nicht zwangsläufig alle Theorien und alles Material mit einzubeziehen, sondern einiges bleibt *begründet* aussen vor.

Diese Paralelle funktioniert auch in der umgekehrten Richtung: so wie neue Zeugenaussagen, neue Beweise unter Umständen zu einer Neubewertung des ganzen Falles führen (wovon die Produzenten von Krimis/Detektivgeschichten und Prozessfilmen zum guten Teil leben), so können natürlich neue Ergebnisse zu einer Neubewertung/-ordnung führen, in denen sich auch das, was als relevant/irrelevant von den vorhandenen Fakten und Theorien einbezogen wird, sich ändern kann - der Kuhnsche Paradigmenwechsel).

Pluralismus - Elefantbeispiel

In der indischen Überlieferung (Der Hinduismus ist ja die pluralistische Religion par excelence, zudem kommen in Indien mit Judentum, Christen Moslems, Parsen, Jains, Budsdhisten, usw, noch viele weitere Religionen hinzu) gibt es die bekannte Fabel von den Blinden, die einen Elefanten beschreiben sollen: je nachdem, ob der Betreffende das Bein, den Bauch, den Schwanz, den Stosszahn, das Ohr, den Rüssel usw. des Elefanten in der Hand hat, kommt eine ganz andere (sich offensichtlich mit den anderen Widersprechende) Beschreibung des Elefantens heraus.

Es ist klar, dass die Lehre aus der Geschichte sein soll, dass jede dieser Beschreibungen ihren Teil zur Wahrheit beiträgt, und dass die Unterdrückung/Verbot eines dieser Teilwahrheiten nicht angemessen wäre, sondern uns daran hindern würde, zum angemessenen und vollständigen Bild eines Elefantens zu kommen. Dies also gegen Ignorieren, Verdrängen, Verbieten von widersprechenden Teilwahrheiten.

Verbot von abweichenden Positionen im Gegensatz zum Pluralismus unterschiedlicher Positionen

Das Verbot kam umgekehrt aus der Teileinsicht heraus, dass doch die Wahrheit sich nicht widersprechen soll, es doch nur eine Wahrheit geben kann. Eine Position, die historisch ja öfters vorkam, für Abweichende aber eher unangenehm war und auch die Wahrheitsfindung insofern behindert hat.

Diese Position haben moderne linke und/oder postmodernistische Kritiker der "Wahrheit" daher oft vor Augen, wenn sie gegen den Totalitarismus der Wahrheit bzw. des Wahrheitsanspruches usw. ins Feld ziehen.

Aber sowohl die Position der "nur einen Wahrheit" wie auch diejenigen des notwendigen Pluralismus als Gegensatz zur "nur einen Wahrheit" betonen selbst nur einen Teilaspekt der Wahrheit und sind insofern beide nur teilweise richtig und teilwiese auch ungenügend (haben also auch beide auch negative Effekte), müssen daher beide aufgehoben werden (wie es im folgenden Abschnitt dann auch geschieht).

zurück zum Bild - Die Wahrheit des Bildes vom Elefanten

Das dargestellte Gleichnis vom Elefanten lebt in seiner Überzeugungskraft davon, dass sich in den unterschiedlichen Beschreibungen die Einheit des einen Elefantens wiederfindet (das Gleichnis wäre ja erheblich weniger überzeugungskräftig, wenn die Blinde je ganz unterschiedliche Dinge, etwa ein Glas Wein, eine Handvoll Sand, den Wind, eine Rose, ein Kaugummi, ein Computer usw. gefühlt und beschrieben hätten - womöglich gar noch als Beschreibung eines Elefantens).

Dementsprechend steht das Bild also nicht einfach nur für den Pluralismus, also den guten Grund für die Verschiedenheit von Erfahrungen, sondern darin umgekehrt auch für die höhere Einheit dieser Unterschiede, die in dem wahren Bild (Begriff) vom Elefanten aufgehoben sind.

Die Wahrheit als Begriff

Es ergibt sich somit, dass erst der Begriff (siehe dazu das Begriffstutorial) die Wahrheit befriedigend abbilden kann. Umgekehrt kann man zum Begriff der Wahrheit auch kommen, indem man den Begriff der Wahrheit selbst zum Gegenstand des Nachdenkens (wie im Begriffstutorial vorgeführt!) macht.

zu Einwänden

..., dass im jeweils erreichten Begriff aber immer noch keine absolute Gewissheit erreicht ist, dass es nicht doch in ihm Abweichungen von der "Wirklichkeit", dem Ding-An-sich usw. geben könnte, sei nochmals auf die Artikel Unwissenheit und Skeptizismus und Wahrheitssuche als unendlicher Prozess verwiesen. Vielleicht lassen sich die beiden Artikel ja am Ende dieses Artikels, vor seinem Hintergrund besser verstehen?)

Behandlung bei Hegel

Im Prinzip ist natürlich Hegels ganze Logik als Bearbeitung dieses Themas zu verstehen, man kann getrost die Frage nach "Was ist Wahrheit" (und wie finden wir sie) das Grundthema der Logik nennen (Die beiden anderen Themen, die für die Logik auch gerne angegeben werden, "Was ist und wie geht Denken, was ist das 'denkerische' am Denken" und "Was ist und wie geht Wissenschaft, was ist das 'Wissenschaftliche' am Denken", laufen natürlich auf die selbe Frage hinaus).

Bei Hegel wird das Thema des Verhältnises von den vielfältigen Phänomene zu einer sie hervorbringenden Einheit zuerst auf der Ebene der Phänomene in der WdL (=Wissenschaft der Logik) den Abschnitt zur Endlichkeit besprochen, insbesondere im Abschnitt zur Bestimmtheit (siehe http://hegel-system.de/de/d111222.htm und natürlich jeweils den dort verlinkten Hegeltext dazu). Man wird hoffentlich finden, dass Hegel hier bereits sehr detailiert versucht, der Ebene der Phänomene gerecht zu werden. Es finden sich hier auch bereits erste Diskussionen auf der Ebene DingAnSich-Phänomene (Sein für Anderes, Beschaffenheit) statt, die es erst einmal zu verstehen und im Auge zu behalten gibt.

Die eigentliche Diskussion des Verhältnisses von Phänomenen (Erscheinungen) und einer ihnen zugrundeliegenden, sie hervorbringenden Einheit (die es in der Wissenschaft zu finden und begreifen gilt) findet dann aber lang und breit im 2.Buch der Logik, der Wesenslogik statt, wo ausführlich über Wesen und sein Verhältnis zur Erscheinung gesprochen wird (ganz grundsätzlich im 1.Abschnitt). Wichtig wäre hier (in der Wesenslogik), dass Hegel, wie schon im Daseinskapitel (aber noch weitergehend und anders) dafür argumentiert, dass die Struktur des zugrundeliegenden (Wesens), das die Erscheinung hervorbringt (und aus dem diese daher umgekehrt abgeleitet werden), bereits in der Welt selbst enthalten ist.

So dass im 3.Teil der Logik, der Begriffslogik, dieses Verhältnis dementsprechend im Begriff gedanklich reproduziert werden kann. Aber all dies sollte man an den entsprechenden Stellen am Text diskutieren.

Man könnte also vereinfacht auch sagen, dass, wenn man den Erkenntnisprozess in der Logik abbilden/wiederfinden wollte, diese Beziehung besteht:

  • Alles was in der Seinslogik gesagt wird, betrifft erst einmal die Phänomene, die als "Fakten", "Phänomene", als "eigenständiges" "Sein" etc uns "gegenüber stehen" (bzw. diese naiv/dogmatisch mit der "Wahrheit" identifizieren).
  • Die Wesenslogik ist dann die Perspektive der Menschen, die nicht bei diesem "Gegenüberstehen" stehen bleiben, sondern versuchen, die Phänomene zu erkennen, sie sich erklären wollen (aber in der dabei aufgemachten Trennung von Phänomen und Erklärung nicht stehen bleiben, sondern es sich im Verlauf der Wesenslogik zeigt, dass Erklärung/Wesen und Erscheinung notwendig zusammen passen müssen): Anfang des "sich wundern" (Aristoteles), Skepsis, Kritik, Anfang von Wissenschaft.
  • Im 3.Teil der Logik, der Begriffslogik, kommt dann die Ableitung der Wirklichkeit aus dem Begriff, das wäre dann die (gelungene) wissenschaftliche Perspektive der (angewandten) Logik, der Wissenschaft selbst.


Klarstellungen zum Verhältnis von Erkenntnis(theorie/prozess) und Logik

(Dieser Abschnitt wurde im Orginaltext als Update am 22.9.2007, 8:48 hinzugefügt)

Ich habe inzwischen nochmal über den obigen Text nachgedacht und mir überlegt, dass evtl. meine Vermischung von Erkenntnis(theorie/prozess) und Logik auch verwirren könnten.

Darum noch diese Klarstellung (die vielleicht ihrerseits verwirrt, aber längerfristig hoffentlich eher Klarheit schafft):

  • Die Logik handelt nicht von Sinnesempfindungen usw., dies ist nicht ihr Thema. Stattdessen werden diese, wie schon oben gesagt, in der Lehre vom "Subjektiven Geist" behandelt, wo das Denken als Denken der Menschen am Ende des Abschnittes "Psychologie - theoretischer Geist" behandelt wird und davor - und noch weiter davor in der Anthropologie (dort dem Denken vorgelagerten, in gutem Denken aufgehobenen, geistigen Tätigkeiten).
  • D.h. auch, dass die "Wissenschaft der Logik" keinen Unterschied von Innenwelt und Aussenwelt kennt, da das nicht ihr Thema ist (wenn man willst, kann man sagen, das diese davon, wie auch von vielem anderen - Sprache, Gesellschaft, Natur usw, abstrahiert). Am Abfang der Wesenslogik wird explizit gesagt, dass der Beginn der WdL eine Art radikale Abstraktion ist!!
  • Dementsprechend unterscheidet die Logik an den 'Gegenständen' deren logische Innen- (AnSich, später Wesen) und Aussenseite (SeinFürAnderes, später Schein/Erscheinung).
  • Die Logik zeigt dabei, wie diese logische "Innenseite" die logische "Aussenseite" bestimmt und sich so umgekehrt aus der Aussenseite die Innenseite ableiten lässt (insbes. in der Wesenslogik).
  • So dass sich umgekehrt dann der Gegenstand aus seinem Begriff ableiten lässt (in der WdL: subj.Begriff).
    • Dies ist dann auch kompatibel mit der berühmten Bemerkung von Marx dazu ("die Methode, vom Abstrakten zum Konkreten aufzusteigen, nur die Art für das Denken ist, sich das Konkrete anzueignen, es als ein geistig Konkretes zu reproduzieren. Keineswegs aber der Entstehungsprozeß des Konkreten selbst", Marx: Einleitung [zur Kritik der politischen Ökonomie], MEW Bd. 13, S. 632), näheres dazu in Hegels Lehre vom Subjektiven Geist a.a.O. und Güssbachers Kommentar dazu und in der Anwendung in meinem Begriffstutorial. Marx würde sich schwer tun, bei Hegel ein Zitat zu finden, indem die platte Identität von Genese und logischen Verhältnissen behauptet würde (ganz unabhängig sind sie beide aber natürlich auch nicht, die Logik der Gegenstände ist ja aus ihren historischen Erscheinungen erschlossen, wie auch umgekehrt diese historischen Erscheinungen in ihrer wissenschaftlichen Darstellung logisch begriffen werden. Diese, so wohl verstandene, Identität setzt aber ihre Differenz voraus).
  • Einschub: Man sollte diese logischen Fromen versuchen fürsich zu betrachten und zu verstehen. Andererseits wären diese irrelevant, wenn sie sich nicht auch auf die Gegenstände der Natur und Menschen/Gesellschaft/Geist, unserer Praxis, anwenden liessen. Dabei bieten sich u.a. auch Parallelen zu unserem Denken, unserer Erkenntnis an, die natürlich kein Zufall sind.
  • Berücksichtigt man dabei den konkreten Gegenstand/Inhalt (In der WdL: Objektivität, Idee), so gestaltet sich diese Ableitung in unterschiedlichen Bereichen unterschiedlich:
    • während in der Logik selbst Gegenstand und Logik unmittelbar zusammenfallen,
    • sind diese in der Natur am weitesten ausseinander (die Natur lässt sich zwar auch wissenschaftlich/denkend/logisch beschreiben, die Logik ist aber nicht das grundlegende Prinzip der Natur, darum viel Zufall/Kontingenz),
    • der menschlichen Geist ist hingegen im Denken (in welcher Weise wird im Subjektiven Geist dargelegt) durch Logik (zumindest mit-)bestimmt und daher ist der Ganze Bereich des Geistes (also auch "Verobjektivierungen" des Geistes in Objektiven und Absoluten Geist), durch Logik bestimmt (wie auch, als Resultat und Teil der Natur, durch die Natur mitbestimmt).
  • Einschub: dies ist, wie vielleicht immer wieder betont werden muss, die logische Perspektive. Diese widerspricht sich nicht mit einer eher historisch-genetischen Perspektive (die typischerweise die Perspektive der Realphilosophie ist), wie beispielsweise der "evolutionären Erkenntnistheorie". Beide haben einfach unterschiedliche Sichtweisen, wobei allerdings auch historisch-genetische Perspektiven (egal ob gesellschaftlicher oder naturwissenschaftlicher Art) die Logik logisch voraussetzen.
  • Hegels Lehre vom "subjektive Geist" zeigt also, wie die einzelnen, endlichen Menschen vom sinnlichen Wahrnehmen des Gegenstandes bis zum Begreifen des Gegenstandes im Denken kommen.
  • Da dieses endliche Denken dabei z.T. auch nur zu endlichen Resultaten kommt, zeigt der Gesamtprozess des Geistes auch, wie die Erkenntnis der Menschen sich (auch in ihrer Praxis) fortentwickelt.
  • Dabei wird auch das gesamte System (incl. Logik und subjektiven Geist) natürlich auch fort entwickelt werden.

Siehe auch