Zum Verhältnis von absolutem Geist und endlichem (subjektiven, objektiven) Geist

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Disclaimer

Disclaimer: dieser Artikel (aus meiner Hegelwerkstatt) gibt, wie alle meine Hegel-Kommentare, nicht einfach 1:1 den hegelschen Wortlaut wieder, sondern meine Interpretation Hegels, die allerdings aus langjährigem Nachdenken über Hegels Texten (und der Sekundärliteratur dazu) erwuchsen. Ich lade also dazu ein, zu prüfen, inwiefern die hier vorgeschlagene Umgang mit dem Thema - gerade auch im hegelschen Kontext- Sinn macht.

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System der Wissenschaften - Geist - absoluter Geist

Bestimmung absoluter Geist

Im absoluten Geist (Kunst, Religion, Philosophie) wird die menschliche Theorie und Praxis des endlichen (subjektiven und objektiven) Geistes ganz grundsätzlich reflektiert (nicht nur nach praktischen Gesichtspunkten), einschliesslich ihrer Grenzen. Dabei werden die Zwecke und Maßstäbe nochmals extra, explizit zum Thema gemacht, auch durch Reflektion darauf, was das bedeutet. Dadurch haben wir, über die "kurzatmige Bewährung im gerade Gegebenen" hinaus, die Möglichkleit, bestehende Grenzen unseres Blicks (durch die Anpassung/Fokussierung auf das "realistische", gegebene) zu überschreiten.

Gemessen wird hier an den viel grundsätzlicheren Gesichtspunkten des "Schönen, Wahren, Guten". Damit befreit der "absolute Geist" die Überlegungen des subjektiven und objektiven Geistes von ihren dort vorhandenen Schranken (s.u.), und hat damit die Möglichkeit, in der Befreiung davon, zu ganz grundsätzlichen Überschreitungen bestehender Denkschranken zu kommen.

Damit dies möglich ist, muss ich dann in der Philosophie auch tatsächlich alle anderen Maßstäbe aussen vor lassen, und mich tatsächlich auf das Finden der Wahrheit als obersten Maßstab ganz einlassen.

Abgrenzung gegenüber der normalen Reflektion im endlichen (subjektiven, objektiven) Geist

Im "Objektiven Geist" findet auch eine Reflektion der Ziele/Zwecke (Zweck kommt übrigens ethymologisch von der Zwecke, die die Zielscheibe in der Mitte festhielt) usw statt, aber zum einen (vermittelt durch Familie/Sozialisation, aber auch Gesetz und Kultur) als individuelles Gewissen, zum anderen in Form von positivem Bezug auf/ Umgang mit den bestehenden Zwecken und Mitteln (typische Fragen: wie kriege ich Kinder und Kariere unter einen Hut, wie komme ich zu Geld, wie konsolidieren wir den Staatshaushalt usw)

Dabei stellt ein Mensch erst eimal weder die gegebnen Mittel, noch seine Ziele in Frage. Wenn er aber dabei auf Problem stösst (oder auch etwas neues machen will), dann überlegt er auch, wie er etwas anstellen soll, oder stellt gar seine Ziele in Frage, überlegt sich neue Strategien/neue Prioritäten oder gar neue Ziele.

Die passiert beides sowohl auf der Ebene des subjektiven Geistes der Einzelnen Subjekte, wie auch auf der Ebene des objektiven Geistes innerhalb von Institutionen usw.

Problem ist hierbei, dass dabei aus praktischen Gründen immer bestimmte Vorgaben als gegeben genommen werden, so dass die Neueinsichten immer gewisen Beschränkungen unterliegen.

Rückwirkung des absoluten Geistes auf den endlichen Geist

Ergebnisse des "Absoluten Geistes" haben dann natürlich wieder Rückwirkungen auf den "subjektiven Geist" (z.B. handelt ein Individuum, welches sich die Lehren des Buddhismus einleuchten lässt, wahrscheinlich anders als ein anderes) und auf den "objektiven Geist" (denn selbstverständlich will man das für richtig erkannte auch umsetzen).

Die Wirkung geht dabei zunächst über den "subjektiven Geist", sprich die Einzelindividuen (jedes Wirken ist über die Individuen vermittelt!), und über die Kultur und später dann auch (durch Änderungen in den Institutionen) auf den "Objektiven Geist" (bzw., wo nicht, gibt es auf längere Sicht "Sollbruchstellen": Untergang, Revolution o.ä.)

Insofern die im "absoluten Geist" gewonnenen Erkenntnisse dann zur Umbildung der Wirklichkeit führen (also verwirklicht werden), ergeben sich Parallelen zur Idee in der Logik.

zu den angeblichen quietistischen Konsequenzen des Abschlusses mit der Philosophie

Die angeblich quietistischen Konsequenzen, die der Abschluss des Systems mit der "nur theoretischen" Philosophie nach Ansicht vieler Kritiker haben soll, lassen sich schon dadurch begegnen, dass das System ja, wie an anderer Stelle gezeigt, einen Kreis darstellt (der in einem Buch aber natürlich sequentiel mit einem Anfang und Ende dargestellt werden muss).

  • So haben natürlich die Einsichten in der Philosophie Rückwirkungen auf Religion und Kunst (1."Rückkoppelungskreis" innerhalb des absoluten Geistes)
  • weiter haben die Einsichten im "Absoluten Geist" Rückwirkungen auf die individuelle und kollektive Selbstverständnis und Praxis haben (2."Rückkoppelungskreis" innerhalb des ganzen Geistes, siehe vorheriger Abschnitt)
  • in einem dritten, noch weiter ausholenden Kreis ergeben sich auch Auswirkungen auf die Gesamtdarstellung des Sytems. Dieses soll ja, von der Logik und Naturphilosophie angefangen, den jeweiligen erreichten Stand der wissenschaftlich/philosophischen Einsicht darstellen. Es wird sich also mit der Zeit ebenfalls ändern, wie ja die Philosophiegeschichte (oder auch die Entwicklungsgeschichte einzelner Philosophen, incl. Hegel selbst) zeigt (3."Rückkoppelungskreis", das ganze System umfassend).

Verhältnis von Weltgeschichte und Geschichte der Kunst, Religion und Philosophie

Die Staaten haben ihre eigene Geschichte, zusammen: Weltgeschichte. Ebenso hat jeder Teil des absoluten Geistes (Kunst, Religion, Philosophie) seine eigene Geschichte, die mit der Weltgeschichte verbunden ist. Wegen der oben beschriebenen Freiheit des absoluten Geistes (seiner Reflektion, seiner Objektivität und seiner Möglichkeit Grenzen zu überschreiten) können diese Geschichten des absoluten Geistes nicht einfach auf die Weltgeschichte reduziert werden, also nicht von dieser einfach abgeleitet werden (dies z.B. gegen verbreitete Vorstellungen des Basis-Überbau-Konzeptes des "HistoMats").

Die Geschichte dieser Reflektion ist die Geschichte der einzelnen Sphären des absoluten Geistes, die Sphäre des Wirkens auf den objektiven Geist ist die Kultur und öffentlich Meinung. Von da wird es zunächst partiel umgesetzt in Familien, Institutionen usw, bis in den Staat. Diese objektiven Änderungen sind dann Gegenstand der Weltgeschichte.

Siehe auch