Zur Reihenfolge der Einteilung des absoluten Geistes

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Disclaimer

Disclaimer: dieser Artikel (aus meiner Hegelwerkstatt) gibt nicht 1:1 die Hegelsche Position zu dem Thema wieder (diese sind in dem Abschnitt zum absoluten Geist in Hegels Enzyklopädie ausgeführt), sondern meine (Benutzer:Kai) Positionen dazu, die allerdings aus der Beschäftigung mit Hegel (und der Diskussion zu dem Thema in der Sekundärliteratur - hier hat mich insbesondere Vittorio Hösle in "Hegels System" angeregt) erwuchsen. Ich lade also dazu ein, zu prüfen, inwiefern die hier vorgeschlagene Umgang mit dem Thema - gerade auch im hegelschen Kontext- Sinn macht.

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System der Wissenschaften - Geist - absoluter Geist

Gründe für die von Hegel angegebene Sequenz (Kunst-Religion-Philosophie)

Es gibt gute Gründe dafür, dass Hegel die Sequenz so aufbaut, wie er es macht:

  • Parallele mit Anschaung - Vorstellung - Denken im theoretischen Geist
  • Parallele zum subjektiven Geist, dieser fängt auch mit der Anthropologie an - hier wird, nach der 2.Natur, dem objektiven Geist, ebenfalls mit etwas Sinnlichem angefangen
  • in der Kunst ist das Kunstwerk in der Anschauung unmittelbar gegeben - in der Religion stehen wir Gott gegenüber, die Religion handelt von der Relation zu Gott
  • In der Phänomenologie des Geistes (und später in der Geschichts- und Religionsphilosophie und der Enzyklopädie) zieht Hegel Parallelen zwischen der Kunstreligion der Griechen und der Religion der Vorstellung des Christentums (und der Philosophie seiner Zeit) - diese historische Sequenz spricht also für Hegels Einteilung
  • (Der Text Drei Weisen der Erkenntnis Gottes von Martin Grimmsmann und Lutz Hansen auf http://hegel-system.de behandelt ebenfalls Gründe, für die von Hegel gewählte Sequenz)


Gründe die Sequenz umzustellen (Religion-Kunst-Philosophie)

Einige dieser angegebenen Gründe sind aber auch schwach. Ich denke demgegenüber, dass es gewichtigere Gründe dafür gibt, die Sequenz in Religion - Kunst - Philosophie umzustellen:

  • Kunstwerke sind als Kunstwerke nicht einfach nur so, "unmittelbar", sondern erfordern einen Bewusstseinsprozess beim Künstler und beim Betrachter. Hingegen ist in der Religion in der Tat oft ein einfaches Gefühl der Ausgangspunkt
  • in der Kunst ist eine Differenz: die Kunst verobjektiviert das Verständnis des Absoluten in der Natur (Parallelen zur Natur und zum Objektiven Geist), im künstlerischen Prozess ist eine Dualität zwischen Künstler und Kunstwerk (und zwischen Kunstwerk und Betrachter). Die Religion drückt sich in Kunstwerken aus, über den Prozess dieser Verobjektivierung kommt es zur Philosophie (Kunst ist auch nicht vor Religion sondern gleichzeitig oder Folge von Religion).
  • in der Religion ist ein "unmittelbares Wissen" von Gott gegeben: religiöses Gefühl (Jacobi, Romantiker), unmittelbares Zeugnis der Schriften usw (insofern die Religion in der Subjektivität geschieht, passt sie zum subjektiven Geist, insofern sie der Anfang der Erkenntnis ist ebenfalls)
  • Die Dualität zwischen Mensch und Gott (die für eine Stellung der Religion an 2.Stelle spricht) trifft nicht alle Religionen, der Budhismus ist etwa so nicht erfasst (zudem soll ja auch bei Hegel die Dualität nicht die Wahrheit der Beziehung von Mensch und Gott sein, sondern die Einheit)
  • Die neue Sequenz Religion-Kunst-Philosophie ist nicht mehr einfach aufsteigend (Anschauung - Vorstellung - Denken) sondern dialektisch
  • Es ist nun auch besser ersichtlich, inwiefern Religion und Philosophie Gemeinsamkeiten haben (die 1. und 3. Stufe einer dialektischen Triade haben haben mehr Gemeinsamkeiten, die 1.Stufe ist "an sich" die 3.Stufe).

bessere Parallelen zum Rest des Systems

  • Es ergeben sich auf diese Weise mehr sinnvolle Parallelen mit dem Rest des Systems (man vergleiche die folgenden Parallelen mit den Parallelen, die man erhielte, wenn man jeweils nach "orthodoxer Lesart" an erster Stelle Kunst und an zweiter Stelle Religion setzt):
    • in der Gliederung der Sittlichkeit: Famile:Religion, Bürgerliche Gesellschaft:Kunst, Staat:Philosophie/Wissenschaft
    • bei den Berufen: Bauern:Religion, Handwerk/Bürgertum:Kunst, Beamten:Philosophie/Wissenschaft
    • bei den geographischen Grundlagen der Weltgeschichte: Hirten/Nomaden in Wüsten, Steppen und Gebirgen:Religion, Hochkulturen an Flüssen mit Verwaltungsresidenzen:Kunst, Handelsstädte mit Hochseeschiffahrt: Philosophie/Wissenschaft
    • in der Gliederung des Geistes: Subjektiver Geist:Religion, Objektiver Geist:Kunst, Absoluter Geist: Philosophie
    • in der Gliederung der Kunst: Symbolische Kunst/Architektur:Religion, Klassiche Kunst/Bildhauerei:Kunst, Romantische Kunst/Malerei-Musik-Poesie:Philosophie - die neue Parallele erklärt besser, warum denn die klassiche Kunst/Bildhauerei der Höhepunkt der Kunst ist (ihre Stellung entspricht der Stellung der Kunst im absoluten Geist) und die romantische Kunst einen Überschuss über die Kunst hinaus darstellt

Wahrscheinlich erhält man das beste Systemverständnis, wenn man jeweils verschiedene Sequenzen durchspielt und schaut, was sie für Auswirkungen haben.

empirisch-historische Plausibilisierung der Sequenz Religion-> Kunst->Philosophie

Religion -> Kunst

Untersucht man die Kunstprodukte im ihrem Verhältnis zur Religion, dann zeigt die überwältigende Mehrzahl, das die Kunstwerke ihrem Inhalt aus der Religion schöpfen, diese darstellen, nicht das umgekehrt die Religion sich aus der Kunst ableitet:

  • in der Architektur fallen uns hier die Ägyptischen Pyramiden und Tempel ein, der jüdische Tempel, die griechische Tempel, die Kirchen und Kathedralen, die arabischen Moscheen
  • in der Skulptur die Götterbilder: von den Schnitzereien der Eskimos und afrikanischen Völker über die den ägyptischen und assyrischen, übe die griechischen und römischen, bis zur christlichen Darstellung (etwa in den Altarschnitzereien und Kreuzrdarstellungen) von Jesus, Maria und anderen biblischen Themen
  • in der Malerei von der Höhlenmalerei bis zur Darstellung der christlichen Motive in den Wänden, Fensterbildern und Altarbildern von Kirchen und Klöstern und auf Gemälden
  • in der Musik die Benutzung von Musik als Untermalung von religiösen Festen, Tänzen und Lithurgien, von vielen afrikanischen Völkern bis hin zur Bachschen Messe
  • in der Poesie die vielen Hervorbingungen auch religösen Inhalts in der griechischen, moslemischen und christlichen Kultur (gerade die ersten Hervorbringungen sind ja Darstellungen der religiösen Mythen und religösen Bücher selbst).

Auch das 2.Thema vieler Kunst (zumal nach den gängigen marxistischen Basis-Überbau-Theorien), die Darstellung/Verherrlichung des Staates und des Herschers, sind (insbesondere in den Anfangszeiten) religiös geprägt: der Herrscher (auf den der Staat sich insbesondere in der Anfangszeit konzentriert) ist selbst Gott, Gottähnlich, oberster Priester usw: das ist der Fall bei praktisch allen asiatischen und orientalischen Herrschern und Staaten der Antike und geht bis zum absolutistischen Sonnekönig und Gottesgnadentum (Eric Voegelin hat in seiner Abhandlung "Die Politischen Religionen" von 1938 weitere Parallelen bis in die politischen Richtungen und Parteien des 20.Jahrhunderts gesehen).

Und umgekehrt könne wir auch aus den Kunstproduktionen schliessen, was die Menschen im Innesten bewegt: in der Neuzeit kommen Gedanken der Freiheit und des Individuums hinzu (sich entwickelnd u.a. aus der christlichen Religion) sowie der moderne "Gott des Mammons" (bis hin zur Werbung).

Am Beispiel der Musik

...will ich das noch etwas weiter entwicklen:

Zwar hat im sekulären Westen die dezidiert christliche Musik heutzutage eher einen Nischencharachter, aber (nicht zuletzt über seit Jahrhunderten praktizierte musikalische Erstsozialisation mittels Kirchenchor usw) sie wirkt als Tradition weiter (etwa beim Blues & Soul die sich formel und inhaltlich von den Spirituals herleiten). Bei vieler aussereuropäischer "World Music" ist es eh selbstverständlich, dass diese ihrer Religion in ihrer Musik Ausdruck geben (und auch die Reaggie-Musik, hat ihre Wurzeln in der Reaggie-Religion).

Sodann hat Musik, und gerade auch die populäre, "unreligiöse", doch den zumindest impliziten Anspruch, Ausdruck des (nicht unbedingt philosophisch durchdacht und abgeleiteten) Lebensgefühls einer Generation (oder zumindest einer Gruppe darin) zu sein, vom Rock-and Roll der 50er Jahre über die Flower-Power etc der Sixties über Punk bis hin zu HipHop und Techno. So kann man also umgekehrt aus diesen musikalischen Äusserungen (und sonstigen künstlerischen Äusserungen auch im weitesten, ja trivialen Sinne, etwa Comics, TV, Filme, Werbung usw) das Lebensgefühl der Künstler (Produzenten) und ihres Publikums (Konsumenten) - und damit zumindest eine Art Minimalset an Grundüberzeugungen, Minimalreligion im weitesten Sinne - auszudrücken.

Religion und Kunst -> Philosophie

Schliesslich ist klar, dass das Bedürfnis, sich über die eigenen Grundlagen wissenschaftlich klar zu werden, nicht am Anfang steht, sondern aus der Beschäftigung mit den religösen Überzeugungen und künstlerischen Äusserungen erwächst: Theologie, Religionswissenschaft und Religionsphilosophie (als wissenschaftliche Bearbeitungen der Religion) und Kunstwissenschaft und Kunstphilosophie (als wissenschaftliche Bearbeitung der Kunst) entwickeln sich vergleichsweise spät (und jedenfalls weit nach dem ersten Auftreten von Religion und Kunst).

Dass die Wissenschaft/Philosphie der Wissenschaft/Philosophie selbst der natürliche Anfang (als Logik) und Abschluss (als Philosophiegeschichte) einer wissenschaftlichen /philosophischen systematischen Gesamtdarstellung aller Themen der Wissenschaft / Philosophie darstellt, sollte auch logisch / systematisch einleuchtend sein (hierüber gibt es auch keine Differenz zur hegelschen Darstellung).

Vorläufer der Idee einer Umstellung der Sequenz des hegelschen Absoluten Geistes

Wohl gab es schon bisher Vorschläge, die Kunst oder Religion an höchster Stelle zu setzen (und ist auch so bei anderen philosophischen Zeitgenossen, etwa bei Schelling, auch so ausgeführt worden), aber die spezifische Sequenz Religion->Kunst->Philosophie ist seltsamerweise bisher (also zumindest die letzten 200 Jahre) in der ganzen Hegelliteratur (und sonstigen Literatur zum deutschen Idealismus und der Hegelschule) nicht vorgekommen.

Weisse

Ich habe nun vor kurzem entdeckt, dass Weisse 1829 ("Über den gegenwärtigen Standpunct der philosophischen Wissenschaft" [PDF 12,6 MB], S.196ff), dort eine ähnliche Sequenz, Philosophie->Kunst->Religion, vorschlägt. Dies ist, soweit mir bekannt, der Vorschlag, der bisher meinem am nächsten kommt.

Dabei führt er bei der Argumentation für seine Sequenz allerdings andere und in meine Augen viel schlechtere Argumente aus, wie auch generell er Hegel weitgehend, und wie ich meine, verfehlt kritisiert. Sein Vorschlag, den absoluten Geist mit der Philosophie beginnen und mit der Religion enden enden zu lassen, hat viele der oben genanten Parallelen und Argumente gegen sich (allerdings ist der Wege von seiner Sequenz zu meiner nicht so weit, wenn man sich - wie oben schon erwähnt- vergegenwärtigt, dass sich die 1. und 3.Position einer Hegelschen Triade ähneln).

Rosenkranz

Während Rosenkranz in seinem "System der Wissenschaften" von 1850 die traditionelle Reihenfolge Kunst-Religion-Philosophie einhält (was durchaus bemerkenswert ist, da Rosenkranz sonst an sehr vielen Stellen, gerade auch beim absoluten Geist, Änderungen an Hegels System vornimmt), so teilt er in seiner "Theologischen Enzyklopädie" von 1830 im 2.Teil die Geschichte des Christentums ("kirchenhistorische Theologie") so ein: Rechtliches/Politisches - Kunst - Theologie/Dogmatik. Auch wenn die erste Stufe hier nicht ganz passt, so ist die 2.Stufe bei ihm Kunst und Kultus (unter dem seltsamen Namen "krichliche Archäologie") als Ausdruck der Religion und die 3.Stufe die theoretische Reflexion. (Siehe Inhaltsverzeichnis).